Sonntag, 11. April 2021

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 3

9. Norwegen: TIX – Fallen Angel

ÖH?! ÖÖÖÖH!? Der hat Keiino rausgeschmissen! Das muss doch gut sein. Das muss d... ÖÖÖCH?!  Ich bin verwirrt. Ein sonnenbebrillter Mann mit dem Gesicht des jungen Marius Müller-Westernhagen, dem Geschmeide des gesamten Ponte Vecchio, den Engelsflügeln von Rocco, güldener Gewandung und einem Mantel, bei dem ich nicht weiß, ob er aus Kunstpelz oder aus Trockeneis ist, singt mit toller Stimme einen Song, wo er sagt, dass er ein gefallener Engel ist. Der könnte sich doch eigentlich direkt mit der Zypriotin zusammentun. Wenn man den Berichten glauben darf, ist das einer der größten Stars in Norwegen. Damit wir anderen uns seinen Namen auch merken, hat er ein Stirnband um, wo der Name draufsteht. Der Song an sich gefällt mir durchaus gut, allerdings hat das Ganze visuell was von einem Unfall mit einem Tanklaster. Dass er dabei an jeder Hand drei gefallene Engel (in schwarz) an sich gekettet hat, treibt den Trash-Faktor nochmal zusätzlich in die Höhe. Hm.

Chancen aufs Finale: Fällt halt auf, und auffallen ist nie verkehrt.

Oslo 2022: Nein. Nein, nein, nein!

5/10 (und die alle für den Song!)


10. Kroatien: Albina – Tick-Tock

Vor einiger Zeit wurde die Schmuckgestalter-Welt von einem Erdbeben erschüttert. Swarovski macht seine Do-it-yourself-Linie dicht. Warum erwähne ich das hier? Anscheinend hat es sich auch in die Eurovisionswelt rumgesprochen, denn ich sehe nur Strass, Strass, Strass. Ansonsten ist auch dieser Song wie schon mehrere andere heute aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt. Die Strophen sind etwas beliebig, dafür kracht der Refrain richtig rein und rettet den Beitrag. Speziell nach dem Norweger würde es nämlich sonst schwierig, da die Kroaten rein optisch auf den gleichen Glitzer-Overkill setzen. Der fällt beim Norweger aber mehr auf.

Chancen aufs Finale: Wird schwierig, aber vielleicht klappts.

Zagreb 2022: Nein.

6/10


11. Belgien: Hooverphonic – The Wrong Place

Hooverphonic-Bassist Alex Callier hat sich ja letztes Jahr in der Bubble recht unbeliebt gemacht dadurch, dass Belgien das einzige Land war, das sich dem gemeinsamen Einsingen von »Love Shine a Light« verweigert hat. Zum Glück für ihn wird das außerhalb der Bubble genausowenig interessieren wie die Tatsache, dass Leadsängerin Luka Cruysberghs gegen die kampferprobte Geike Arnaert ausgetauscht wurde. Ich fand ihren letztjährigen Beitrag wunderschön, aber der diesjährige passt tatsächlich viel besser zu Geike als zu der zerbrechlichen, zarten Luka. Der Song ist  recht düster, es geht um einen schiefgelaufenen One Night Stand. Musikalisch sind eine Menge spannender Ideen umgesetzt, allerdings muss der Schluss unbedingt nochmal angefasst werden. Dieses Abhacken da am Ende funktioniert überhaupt nicht.

Chancen aufs Finale: Auch das könnte schwierig werden, aber vielleicht klappts

Brüssel 2022: Nein.

7/10


12. Israel: Eden Alene – Set Me Free

Auch hier bin ich mit dem Schluss nicht so zwingend glücklich, aber ansonsten ist diese Startnummer für Eden Alene der Jackpot. Der Song setzt sich maximal von den Belgiern ab. Es beginnt sehr leise, nimmt aber dann schnell Fahrt auf. Die Ethno-Streicher geben dem Song genügend Kante, aber ohne, dass es zuviel wird. Auch hier gibt es wieder jede Menge lustiger Tanzschritte, die man bestimmt auch ohne Wasser nachtanzen kann. Und dann der Schluss, wo Eden nochmal so richtig zeigen kann, was sie stimmlich draufhat. Wow!

Chancen aufs Finale: Ich gehe hier mal wieder nicht mit der Mehrheit konform und sage, dass sie es auf jeden Fall schafft.

Tel Aviv 2022: Nein.

7/10

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 2

 Weiter gehts:

5. Australien: Montaigne – Technicolour

Bevor ich mich der Interpretin im Allgemeinen und dem Song im Besonderen widme, eine Frage vorab: Habe ich einen Trend verpasst, oder ist es inzwischen wieder en vogue, dass Frau ihr Achselhaar länger als abrasiert trägt? Das hab ich seit der jungen Nena nicht mehr gesehen. Aber gut, to business, Frau Fabian muss ja nicht alles verstehen. Montaigne hat immerhin die Clownsklamotten und das entsprechende Make-up weggeräumt, besser geworden ist aber dadurch nichts. Hier hat man einhundertzweiundelfzig Songs in einen reingepackt, getreu dem Motto »Viel hilft viel.« Na ja. Jeder kann sich mal irren. Für mich ist das alles nur anstrengend und nicht eingängig, da kann Montaigne ihre Stimme noch so akrobatisch präsentieren. Nee, nee, nee. Ganz, ganz, grauenhaft.

Chancen aufs Finale: Wenns Gerechtigkeit gibt, nicht. Aber es gibt keine. Außerdem gibts nur sechs Rausflieger.

Somewhere in Europe 2022: ....? ! ?? :o 

0/10


6. Nordmazedonien: Vasil – Here I Stand

Haldor Lægrid reloaded oder Willkommen beim Eurovision Musical Contest. Ich sehe ja ein, dass es nach Würdigung schreit, wenn ein Künstler aus seinem innersten Inneren in Phasen tiefer Bestürzung (nach dem abgesagten Contest letztes Jahr) einen Song schreibt, und ich sehe auch ein, dass ein solcher Song dann gern ein bisschen Pathos haben darf, aber lieber Vasil: Du bist mit dem Song definitiv auf der falschen Veranstaltung. Das gehört als Höhepunkt in irgendein Musical. Hier fehlt leider jedweder Ansatz von Struktur, da ist nichts, woran man sich erinnern kann oder auch nur will. Vasil singt sich natürlich die Seele aus dem Leib, aber er neigt doch sehr zum Überperformen. So ist das leider chancenlos, was mir für ihn natürlich leid tut, aber irgendwen schrägts halt immer. Dabei war sein Vorjahresbeitrag echt schön!

Chancen aufs Finale: Keine. Und hier bin ich mir ausnahmsweise absolut sicher.

Skopje 2022: Wenn überhaupt, dann nur als neues Musical.

3/10


7. Irland: Lesley Roy – Maps

Lesley! Die hatte ich im letzten Jahr schon total ins Herz geschlossen, und auch dieses Jahr liefert sie wieder ab. »Maps« ist sehr eng an »Story of my Life« angelehnt, und das ist sicherlich kein Fehler. Der Song geht sofort ins Ohr und macht zumindest mir supergute Laune. Dazu kommt, dass Lesley wahrscheinlich der größte Sympathiebolzen seit Poli Genova ist. Wenn sie die Inszenierung nicht versemmeln, sehen wir das zweimal.

Chancen aufs Finale: Siehe oben. Ich denke, dass sie es schafft.

Dublin 2022: Nein

9/10


8. Zypern: Elena Tsagrinou – El diablo

Manche Songs machen es einem ein bisschen schwer, sich ihnen zu nähern. Wir haben hier eine recht ausstrahlungsarme, aber sehr gelenkige Interpretin, die uns in grottenschlechtem Englisch einen davon erzählt, dass sie in den Teufel verliebt ist, und er sagt ihr, dass sie sein Engel ist. Sie macht alle möglichen und unmöglichen Verrenkungen dazu, was zugegebenermaßen nicht jeder kann, und wird dabei irgendwann von einer Horde oberkörperfreier Kerle umtanzt. Zwischendrin kommt urplötzlich ein leiser Teil, wo sie ihre Mamacita fragt, was sie tun soll, und am Ende singt ein Chor auf diese Nänänänänäänää-Melodie (die, die man singt, wenn man anderen eine lange Nase dreht) »I love el diablo, I love el diablo«. Was sagt man nun dazu? Am besten: Nichts.

Chancen aufs Finale: Tamta hats geschafft, Eleni hats geschafft, und sie schaffts auch.

Nikosia 2022: Ochi.

4/10


Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 1

 Los gehts mit dem ersten Semifinale:

1. Litauen: The Roop – Discoteque

Und los geht es dann auch gleich mal mit einem Kracher. The Roop gehörten ja im letzten Jahr bekanntlich zu den Top-Favoriten auf den Sieg, und »Discoteque« [sic!] macht da weiter, wo »On Fire« aufgehört hat. Der charismatische Frontsänger und seine Truppe sind allesamt ganz in gelb gewandet, was vermutlich für den Rest der Saison so bleiben wird und vor dem schwarz-weißen Hintergrund super kommt. Dazu gibt es einen guten, abwechslungsreichen Song, dem leider etwas Vergleichbares wie der Instrumentalteil aus »On Fire« fehlt. Aber dafür bekommen wir hier eine Tanzchoreographie, die in die Eurovisionsgeschichte eingehen und dermaleinst der Burner auf allen Euroclub-Tanzflächen sein wird. UND obendrein noch lustige Handbewegungen. Ihr könnt schon mal üben!

Chancen aufs Finale: Die Frage ist doch wohl eher: Gewinnt es das Semi? Und die Ansage mache ich, ohne den Rest gehört zu haben.

Vilnius 2022: Ich denke, das ist auch dieses Jahr möglich. Mal sehen, wie hart die Konkurrenz ist.

8/10


2. Slowenien: Ana Soklič – Amen

An Ana sieht man dann auch gleich sehr gar nicht schön, wo das Problem ist, wenn man direkt im Folgejahr nochmal antritt. Es kommt immer sofort der Vergleich zum Vorjahresbeitrag, und der fällt in diesem Falle leider zu Ungunsten von Amen aus  – und ich fand Voda schon nicht so prickelnd. Anas tolle Stimme ist geblieben, das ist aber auch alles. Ansonsten schlonzt sie sich durch ein bombastisches 4-Chord-Stück mit Rückung, leider obendrein noch auf Englisch, und es ist einfach. Nur. Langweilig. Dazu kommt, dass ich bei diesem Song wie auch bei allen anderen das offizielle Video habe, das ist aber mindestens eine halbe Minute zu lang geraten. Ich befürchte, dass die Rückgängig-Machung der Rückung ganz am Ende das ist, was der Schere zum Opfer fallen wird. Fatal, denn das war das Interessanteste am ganzen Song.

Chancen aufs Finale: Glaub ich auch in diesem überschaubaren Feld nicht.

Ljubljana 2022: No.

4/10 (für die gute Sängerin)


3. Russland: Manizha – Russian Woman

Little Big, im letzten Jahr ebenfalls einer der Top-Favoriten auf den Gesamtsieg, sind nicht nochmal angetreten. Als Nachfolgerin kam eine, die den wohl außergewöhnlichsten russischen Beitrag aller Zeiten im Gepäck hat, and that is saying something. Manizha ist Frauenrechtlerin, LGBT-Befürworterin und allein dafür und für die Botschaft ihres Songs (»every russian woman needs to know you’re strong enough to bounce against the wall«) gehört ihr der Lorbeerkranz gewunden. Leider kommt ihr Song an den meisten Stellen zu schräg in meinen Ohren an, auch bin ich ja alles andere als eine Rapfreundin. Der langsame, hymnische Teil ist dann wieder wunderschön. Summa summarum muss man aber immer das Gesamtpaket sehen, und dem ist eine gute Platzierung unbedingt zu wünschen.

Chancen aufs Finale: Es ist Russland. Die kommen immer ins Finale, es sei denn, sie wollen nicht.

Moskau 2022: Das wäre allein schon deshalb super, weil die Homophoben dann dort kollektiv vom Stuhl fallen würden. Wird aber leider nicht passieren.

6/10 (weil wegen Gesamtpaket und so)


4. Schweden: Tusse – Voices

Eigentlich müssten wir ja stinksauer sein auf die Schweden. Die und ihr geheiligtes Mello waren wohl einer der Hauptgründe dafür, warum nicht nochmal alle Vorjahresteilnehmer in diesem Jahr angetreten sind, so dass uns auch die wunderbaren Mamas nicht nochmal beglücken konnten. Die haben zwar beim Mello teilgenommen, mussten sich aber hinter dem Sieger und einem gewissen Eric Saade mit dem dritten Rang begnügen. Aber das, was wir statt dessen bekommen haben, ist ein mehr als adäquater Ersatz. Tusse hat eine unglaublich tolle Stimme, und obwohl das, was er uns da präsentiert, nun weiß Gott das Rad nicht neu erfindet, holt es mich aus irgendeinem Grund sofort ab – und das, wo ich mich doch bisher nun wirklich nicht in Verdacht gebracht habe, schwedische Beiträge in den Himmel zu jubeln. Das hier ist gut. Und wird gut abschneiden. Ist schließlich Schweden!

Chancen aufs Finale: Hömma! Es ist Schweden!

Stockholm 2022: Er wird vorne mitspielen, aber nicht gewinnen.

9/10 (huch?!)

ESC 2021 - Ein paar Worte vorab

Tach, Gemeinde! Alle wieder aus dem Winterschlaf erwacht? Ich hoffe! Von mir selbst kann ich das leider nicht sagen, aber nachdem ich einen Blick auf den Kalender geworfen und festgestellt habe, dass es schon Mitte April ist, Ostern rum und die Fastenzeit somit beendet, gehen mir allmählich die Ausreden aus.

So ganz bin ich noch nicht zurück in der Spur, obwohl mich der Ausfall des ESCs 2020 wirklich hart getroffen hat, wie wohl viele von Euch. Das Beste, was man über den ESC 2021 sagen kann ist, dass er überhaupt mal stattfindet. In welcher Form das geschieht – we will see. Es gibt verschiedene Szenarien, wie es ablaufen kann, aber welches es dann genau sein wird, werden wir wohl erst sehen, wenn es losgeht, Corona sei Dank.

Zwei Länder werden in diesem Jahr nicht dabei sein, beide aus höchst bedauerlichen und traurigen Gründen: 

Die Armenier sahen sich vor dem Hintergrund der erneuten Kämpfe um Berg-Karabach außerstande, einen Song auszuwählen und nach Rotterdam zu schicken. 

In Belarus sah das anders aus. Die letztjährigen designierten Vertreter Val sympathisieren mit der Demokratiebewegung in Belarus, selbstverständlich zum Missfallen von Lukaschenko. Der wollte lieber einen regimekonformeren Vertreter beim ESC sehen und ließ deshalb die Band Galasy ZMesta mit dem Song »Ya nauchu teba« (zu deutsch: »Ich bringe dir bei«) antreten. Vordergründig ein harmloser Song, hintergründig aber einer, aus dem man die Botschaft herauslesen kann, die Truppe möchte den Zuhörern Gehorsam gegenüber Lukaschenko beibringen. Das sah dann auch die EBU so, die den Song einkassierte und die Belorussen dazu aufforderte, mit einem neuen, unpolitischeren Text an den Start zu gehen. Der neue Song kam dann auch, der Text aber fiel bei der EBU wieder durch, so dass Belarus beim ESC 2021 nicht an den Start gehen wird.

Da waren es dann nur noch 39. Ich hoffe aber, dass diese 39 uns viel Freude machen werden und dass das größte Problem beim ESC 2021 sein wird, dass das eine oder andere Lied möglicherweise grottenschlecht ist oder zu Unrecht im Semi rausfliegt und dass der völkerverbindende Charakter der ganzen Veranstaltung wieder in den Fokus gerückt wird.

In diesem Sinne wünsche ich Euch und uns allen einen großartigen ESC 2021 – let the Songbesprechung: BEGIIIIIIN!

Zwei Anmerkungen noch in eigener Sache: In den letzten Jahren hatte ich bei der Besprechung ja immer tatkräftige Unterstützung durch den Nachwuchs. Darauf verzichte ich in diesem Jahr, weil ich es sonst schlicht und einfach nicht schaffe. Und, und jetzt möchte ich bitte das eine oder andere Frohlocken hören: Der Hörtest kommt wieder! Nachdem ich mich 2017 ja so blamiert habe, habe ich 2018 und 2019 keinen gemacht, 2020 ja sowieso nicht. Aber 2021 könnte man ja mal wieder ... Deshalb arbeite ich die Beitrge in diesem Jahr auch wieder in Startreihenfolge ab. 

Also, ready, steady, go!

Freitag, 15. Mai 2020

Fazit 2020

So, DURCH! Gott, was ein Stück Arbeit. Irgendwie sinkt die Motivation gewaltig, wenn man weiß, dass das im Grunde alles Banane ist und es nie zu einem wirklichen Wettbewerb kommen wird. Aber: Der größte Teil des Eurovisionsjahrgangs 2020 ist auch einfach nicht gut. Keine 10, nur eine 9, das hatte ich noch nie.

Wenn ich jetzt eine Prognose wagen sollte, würde sie wie folgt aussehen:

Weiterkommer aus den Semis:

Semi 1:

Schweden
Weißrussland
Litauen
Irland
Russland
Malta
Aserbaidschan
Norwegen
Rumänien
Ukraine

(PUUUUH! Hier hatte ich 13 Weiterkommer, musste schweren Herzens die Belgier rausschmeißen. Und dazu noch Nordmaze und Israel.)

Semi 2:

Griechenland
Österreich
Tschechien
Island
Schweiz
Dänemark
Albanien
Armenien
Bulgarien
Lettland


Die Top 6 im Finale hätte vermutlich so ausgesehen:

Island
Russland
Litauen
Schweden
Schweiz
Bulgarien,

wobei der Sieger unter den ersten drei Ländern zu suchen gewesen wäre. Auch wenn Island derzeit in allen Prognosevideos und Ersatzwettbewerben abräumt und ihnen der Sieg von ganzem Herzen zu gönnen gewesen wäre, bin ich mir nicht ganz so sicher. Dazu sitzt mir der Schock mit Francesco Gabbani von vor drei Jahren auch immer noch zu sehr in den Knochen. Wir werden es nie erfahren, da das alles von so vielen Dingen abgehangen hätte. Am Ende hätte Senhit aus San Marino dann doch das große Eurovisions-Momentum geschafft, und dann hätten wir aber alle mal schön in die Röhre geguckt.

Warum Malta dermaßen hoch gehandelt wird, verstehe ich nach wie vor nicht. Ich sehe sie nicht in der Top 10.

Der Barbara-Dex-Award wäre vermutlich entweder an Portugal oder an Serbien gegangen. Damit hätten wir dann das erste Land gehabt, das den BDA dreimal gewonnen hätte. Auch schön.

Ansonsten hätten die Niederlande mit Sicherheit eine supertolle Show auf die Beine gestellt, ich hoffe, dass sie es im nächsten Jahr tun können und werden.

Tja. Genießt morgen Abend die ganzen Shows, auch wenn es nicht dasselbe ist, und vor allem: Bleibt gesund und uns gewogen!

Lass Dich überraschen, Teil 8

Spanien: Blas Cantó - Universo

Blas, der Mann mit dem schärfsten Schlafzimmerblick Spaniens (oh mein Gott, was ein Satz! Ich muss den Nachnamen benutzen. Keine Witze mit dem Namen, das ist unreif, pubertär und deshalb abzulehnen), zeigt uns im Video seine komplette Garderobe und klettert in der Gegend rum. Seine Tänzer tragen dabei die kompletten Glitzervorräte am Körper, die noch von Aserbaidschan vom letzten Jahr übrig sind. Na ja, wenns schön macht. Das Lied besteht im wesentlichen aus "perdona me, perdona me, uni- universo", und weil ich kein Spanisch kann, frage ich mich, was ihm das Universum eigentlich verzeihen soll. Der Song ist ansonsten nicht weiter erwähnenswert, Herr Canto selbst ist, wie gesagt, Eye Candy. Aber ich habe ganz leichte Zweifel, ob er dieses stimmlich durchaus herausfordernde Liedchen live gestemmt bekommen hätte. Das hat doch gewaltiges Carcrash-Potenzial.

Das wär sein Preis gewesen: Da ich hier besagten Carcrash hätte kommen sehen, Platz 20+.

6/10 (Kinder: 5 und 5)


Tschechien: Benny Cristo - Kemama Sehr ungewöhnlicher Sound für die Eurovision. Stark afrikanisch bzw lateinamerikanisch beeinflusst, fängt der Song super an, geht dann aber irgendwie nicht so richtig weiter. Da hätte zum Ende hin noch etwas mehr Abwechslung kommen dürfen. Benny ist ein toller Sänger, keine Frage, er hätte das auch live gestemmt bekommen. Die Schwächen und die fehlende letzte Konsequenz im Songwriting überdeckt das aber leider nicht.

Das wär sein Preis gewesen: Uff, das wäre eine enge Kiste geworden für die Tschechen.

6/10 (Kinder: 5 und 6)


Ukraine: Go_A - Solovey

Drittletzter Beitrag, den wir hier begucken, und noch immer keinen Zehner vergeben. Zwanzig gloriose Sekunden lang dachte ich, dass ich endlich einen Zehner gefunden habe, denn das Intro ist zum Niederknien wunderbar. Leider fing dann der Gesang an. Es mag eine osteuropäische Kulturform sein, die zu wertschätzen und zu würdigen ist, aber ich kann mit diesem Gesang unglücklicherweise nicht nur nichts anfangen, er schmerzt mich auch in den Ohren. Es wird aber im Laufe des Liedes besser. Erfreulich ist zudem, dass die Ukraine endlich mal komplett in ihrer Landessprache singt. Das hätte man ruhig früher auch mal machen können, immerhin haben ja beide Siegerinnen ukrainische Anteile im Lied. Jedenfalls musikalisch eindeutig der beste Beitrag des Jahrgangs, und es ist davon auszugehen, dass ein Eurovisions-Powerhouse wie die Ukraine das auch atemberaubend auf die Bühne gebracht hätte.

Das wär ihr Preis gewesen: Top Ten im Finale. Wir reden hier von der Ukraine, und die wissen, wie man sowas macht. 

8/10 (Zwei Abzug für den Gesang, sonst wär es die 10 geworden. Kinder: 6 und 4 - der Gesang halt)


Weißrussland: Val - Da Vidna

Schau mal einer an, auch die Weißrussen singen in Landessprache. Das ist ja vor drei Jahren schon mal richtig toll gewesen. Dieser Song kommt leider nicht so ganz da ran. Die Strophen sind komplett arhythmisch, was das Zuhören etwas erschwert, dafür ist der Refrain umso eingängiger. Überdies wird man mit dem einen oder anderen Mätzchen abgelenkt, so trägt die (übrigens sehr gute und mit einer tollen Stimme beglückte) Sängerin eine Frisur aus Perlen und Strassgehängen. Da war wohl jemand bei Swarovski kampfshoppen. Außerdem hat der Keyboarder wohl sein Keyboard vergessen; er spielt auf dem Keyboardständer und hofft vergeblich, dass wir es nicht merken. Das alles schwächt den Eindruck des Liedes doch sehr ab und wäre eigentlich überhaupt nicht nötig.

Das wär ihr Preis gewesen: Trotz des überflüssigen Schnickschnacks wäre das wohl im Finale gewesen, hätte da aber keine Rolle mehr gespielt.

4/10 (Kinder: 3 und 4,5)


Zypern: Sandro - Running
Wieder so einer, der ganz genau weiß, dass er Eye Candy ist. Im Video wird ihm so allerlei auf den (vermutlich extra dafür) wohlgeformten Körper projiziert. Er will wohl vor irgendwas wegrennen, so wirklich gut versteht man es nicht. Ich glaube, er ist über irgendwas verzweifelt, rennt weg und wird nicht wieder fallen. Ja, schön. Dann renn mal. Ich glaub Dir leider kein Wort von dem, was Du da singst, das ist mir alles viel zu gewollt und zu unauthentisch. Der weiß genau, wie er wirkt, und versucht jetzt anscheinend, im gleichen Wasser wie Duncan Laurence zu fischen. Das geht grandios schief. Nur Eye Candy reicht halt nicht. Außerdem: es gibt nur EIN Running in der Eurovision.

Das wär sein Preis gewesen: Finale am Samstag. Aber nur, wenn er sich vorher eine Eintrittskarte gekauft hätte. Sonst nicht.

4/10 (Kinder: 4 und 6)

Dienstag, 12. Mai 2020

Lass Dich überraschen, Teil 7

Russland: Little Big - Uno

Oh mein Gott, was ist DAS? Das ist so bekloppt und over the top, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Herren mit Frisuren, für die Homens de la Luta sich weiland in Grund und Boden geschämt hätten, mit durchsichtigen Hemden über bemalten Oberkörpern (bitte sagt mir, dass das keine Tattoos sind!), die Damen mit Stimmen, für die die Sängerin von Aqua sich aus dem Fenster gestürzt hätte, und noch der eine oder andere Make-Up-Unfall. Dazu noch der eigentliche Star der Performance: Ein kleiner dicker sehr beweglicher Tänzer im Jogginganzug, für den in Rotterdam wohl einer der anderen hätte zuhause bleiben müssen - der Tänzer hätte zwingend mit gemusst! Das ganze ist scheußlich und im Grunde nichtssagend, aber eingängig wie Hölle. Ich hatte nach dem Hören definitive Verka-Serduchka-Vibes.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich sag das ja jetzt echt nicht gern aber … "Ladies and Gentlemen, the winner of the Eurovision Song Contest 2020 iiiiiiiiis: RASCHA!"

 2/10  (Kinder: 0,5 und 1)


San Marino: Senhit - Freaky

Ach, San Marino. Nur, weil man behauptet, freaky zu sein und jede Menge lustiger Freunde mitgebracht hat, die sich allesamt gebärden, als wären sie 15 Jahre jünger, ist man noch nicht freaky, freaky, freaky. Da kann man das noch so oft sagen. Wir sind jung, wir sind cool, wir haben uns lustig verkleidet, und wir können auch sehr schön rumhopsen. So ungefähr. Aber ich hab schlechte Neuigkeiten für Euch, Leute. Man schämt sich eher ganz leicht fremd, weil diese wunderbare Scheißegal-Komponente, die zB Serhat hatte, bei Euch fehlt. Zudem stammt die Musi aus einer längst vergangenen Epoche. Okay, das tat die von "Amor pelos dois" auch, aber Senhit ist nicht Salvador, und San Marino ist nicht Portugal. Obwohl, wie war das mit Portugal vor und nach dem Salvador-Jahr? Ach, egal, nicht aufgeben, San Marino, irgendwann platzt sogar bei Euch der Knoten.

Das wär ihr Preis gewesen: Fernsehabend. Samstag. Und Donnerstag am besten auch, den Song braucht echt kein Mensch.

4/10 (Kinder:  4 und 5)


Schweden: The Mamas - Move

Die Mamas sind zurück, und dieses Mal sind sie allein. In dieser Formation sind sie genauso anbetungswürdig wie letztes Jahr mit John Lundvik. Ihr fröhlicher Gospelsong ist zugegebenermaßen nicht der stärkste im Feld, aber solides Handwerk, und man ist ja schon für so wenig dankbar in diesem Jahr. Sie machen das mit einer Verve und Stimmgewalt, dass man gar nicht anders kann, als ihnen zu Füßen zu liegen. Da sieht man auch über das nicht so gelungene Outfit der Mama mit den rötlichen Haaren locker hinweg. Die Schweden könnens halt einfach.

Das wär ihr Preis gewesen: Sichere Top 10 am Samstag mit Kratzen an der Top 5.

7/10 (Kinder: 6 und 8)


Schweiz: Gjon’s Tears - Répondez-moi

Der bessere französische Song kommt in diesem Jahr aus der Schweiz, und er wird auch besser abschneiden als Frankreich. Gjon wirkt, als würde er die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern tragen (von daher: passender Künstlername!). Der Song ist keine leichte Kost, er wirkt da sehr zerrissen, was durch den permanenten Regen im (schwarz-weißen) Video noch trefflich unterstrichen wird. Geht unter die Haut, der Song. Stimmlich ist das ganz großes Tennis, er muss da sehr hoch singen und kann das ohne Probleme stemmen. Chapeau, Schwiiz, da habt Ihr was Tolles aufgefahren!

Das wär sein Preis gewesen: Final Top 10 auf jeden Fall möglich!

8/10 (Kinder: 8 und 8)


Serbien: Hurricane - Hasta la vista

Liebe Serben, vor noch gar nicht so langer Zeit wart Ihr der zuverlässigste Qualitätslieferant des Balkans. Was habt Ihr uns nicht schon für tolle Beiträge beschert; das ging direkt mit einem Sieg am Anfang los und ließ dann auch lange nicht nach. In diesem Jahr nun schickt man ein paar ausgemusterte Bachelor-Kandidatinnen (oder wars Love Island? Egal!), deren Outfits jeder Dame käuflicher Zuneigung zur Ehre gereicht hätten. Sex sells? Mag sein. Billig sells aber hoffentlich nicht. Und das IST billig. Auch der Song. Das ist nicht mehr mein Serbien! Hasta la vista, aber zackig!

Das wär ihr Preis gewesen: Mit nem Tritt in den Allerwertesten nach Hause am Donnerstag, in die Ecke stellen und eine Woche lang keinen Nachtisch!

0/10 (Kinder: 0 und 0)


Slowenien: Ana Soklič - Voda

Sehr schöne dunkle Stimme, klassisch beginnende Ballade. Allerdings kommt die einfach nicht aus dem Quark, es dauert geschlagene anderthalb Minuten, bis der erste Refrain kommt. Das ist schon schön anzuhören, aber eben leider ein sehr plätscherndes Wasser. Da hätte ich mir dann zum Ende hin dann schon gern den reißenden Gebirgsbach gewünscht. Da hilft auch die gute Sängerin nichts mehr.

Das wär ihr Preis gewesen: Keine Chance aufs Finale. Sorry, Ana.

6/10 (Kinder: 6 und 5)


Donnerstag, 16. April 2020

Lass Dich überraschen, Teil 6

Norwegen: Ulrikke Brandstorp – Attention

Am Anfang dachte ich noch, das könnte was Tolles werden, dieser Streicherauftakt ist wirklich wunderschön. Aber dann kommt Ulrikke (nein, keine Wortspiele mit "Zicke"! Keine!) ins Bild, und der Beitrag hat ein sehr ernsthaftes Problem. Wenn Ihr dachtet, Leonora Colmer Jepsen wäre eine ehrgeizige Streberleiche gewesen, think again. Ulrikke guckt derartig verkniffen und angestrengt in die Kamera, dass man sich unwillkürlich fragt, was ihr da eigentlich in welcher Körperregion gerade quer sitzt. Mehr kann ich aus Rücksicht auf meine mitlesenden Kinder nicht schreiben, but you get the picture. Ich weiß nicht, ob es ihre Physiognomie oder ihre Mimik ist, aber bitte, WAS ist da gerade so anstrengend? Das Singen? Na ja, singen kann sie ja, aber sonst? Der Fummel, den sie da an hat, ist vielleicht auch ein ganz bisschen suboptimal.

Das wär ihr Preis gewesen: Natürlich ist das Juryfutter vom Feinsten. Dürfte in etwa ein Ergebnis wie Lake Malawi im letzten Jahr einfahren, vor allem bei den Einzelvotings. Der von Ulrikke im ESC-Kompakt-Interview für möglich gehaltene ESC-Sieg wäre es wohl nicht geworden.

6/10 (Kinder: 4,5 und 5)


Österreich: Vincent Bueno – Alive

Hui, Vincent ist wirklich ein Hübscher, und wenn er anfängt zu singen, schreckt man sofort aus dem Sekundenschlaf wieder hoch. Der Song, den er da am Start hat, erfindet das Rad zwar nicht neu, lässt sich aber gut anhören. Die Zielgruppe bin aber eh nicht ich, die dürfte um einiges jünger sein als ich. Bewegen kann er sich auch, kann man nix gegen sagen. Nicht so stark wie vieles aus der letzten Vergangenheit, aber stark genug, um nach einem Jahr Pause wieder zweimal zu singen.

Das wär sein Preis gewesen: Wie gesagt: Zwei Auftritte. Für was es dann beim zweiten gereicht hätte? Aucune idee. Mittig, denk ich mal.

7/10 (Kinder: 6 und 8)


Polen: Alicja Szemplińska – Empires

Und hier jetzt das krasse Kontrastprogramm. Wir haben eine junge Dame ganz in weiß, die im Gesicht aussieht wie die kleine Schwester von Anja Nissen. Sie steht da ganz in weiß hinter ihrem Mikrofon und bewegt sich ungefähr soviel wie Jurijus aus Litauen letztes Jahr. Muss sie im Gegensatz zu ihm bei ihrer Ballade (alles so schön dramatisch hier) zum Glück aber auch nicht. Denn ihre Stimmfarbe ist zwar ußergewöhnlich, schön rumjodeln kann sie auch, aber jetzt kommt leider das große Manko. Ihre Bewegungen wirken einstudiert (wie gesagt, glücklicherweise tanzt sie nicht), und sie hat NULL Bühnenpräsenz. That screams "Castingshowgewinnerin" auf hundert Meter Entfernung. Die Sorte Castingshow, wo alle gleich singen und gleich aussehen. Meine Kinder wollten es ja nicht glauben, aber ich hab es nachgeschaut: Es is so. Und den Schluss hat sie leider auch verkackt. Bis auf die Stimme ist da leider nicht so richtig viel.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich glaub, das wäre sehr eng geworden mit dem Finale. In einem Jahrgang mit so vielen Balladen braucht man schon ein bisschen mehr als nur eine gute Stimme.

6/10 (Kinder: 5 und 6)


Portugal: Elisa – Medo de Sentir

Oh-kay. Nach jetzigem Stand der Ermittlungen hätte Portugal in diesem Jahr auf jeden Fall klar gewonnen. Zwar nur beim Barbara-Dex-Award, aber well - was gewonnen is was gewonnen, Mylords'n'ladies! Mein Gott, wie kann man so eine schöne Frau in klamottiger Hinsicht nur so verunstalten? Und die am Klavier ist ja kaum besser angezogen. Na ja, hätte man ja noch nachbessern können. Der Aufbau mit den beiden Sängerinnen und die Zartheit des Ganzen erinnerte uns stellenweise ein wenig an "O Jardim". Leider gereicht das dem Ganzen nicht unbedingst zum Vorteil, denn am Schluss, wo es dramatischer wird, fehlt es der süßen Elisa eindeutig an Stimme. Da müsste mehr kommen. Oder vielleicht gerade auch nicht. Ach, was weiß denn ich.

Das wär ihr Preis gewesen: So hübsch das ist: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir das zweimal gesehen hätten.

6/10 (Kinder: 5,5 und 6)


Rumänien: Roxen - Alcohol You

Roxen hat sich Strasstränchen ins Gesicht geklebt, damit auch der letzte Depp mitbekommt, dass sie traurig ist. Das ist auch nötig, an der Sprache ihres Songs (meistverwendete Sprache in der Eurovision? Nein, es ist nicht Englisch. Es ist schlechtes Englisch) hätten wir es nämlich naturgemäß nicht erkannt. Es kann aber auch sein, dass das am alkoholbedingten Nuscheln enthält. Darum geht der Song nämlich: Was macht man, wenn man Liebeskummer hat? Is klar, oder? Man knallt sich die Hucke voll und ruft den Liebsten an. Das "Alcohol you" klingt bei ihr wie "I ca-hall you", und dann macht der ganze Text auf einmal Sinn. Großartiges Wortspiel großartig umgesetzt, das muss man mal neidlos anerkennen.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich geh mal davon aus, dass die letzten beiden Jahre Ausrutscher waren. In diesem Jahr wäre Rumänien wieder ins Finale gekommen und je nach Inszenierung auch in die vordere Hälfte.

5/10 (Kinder: 6,5 und 6,5)

Dienstag, 14. April 2020

Lass Dich überraschen, Teil 5

Litauen: The ROOP - On Fire

Ach ja, der gute alte Fire - Higher - Desire-Reim ist alive and well. Passt bloß auf, dass da Kasia Mos nicht anruft und ihren Text wiederhaben will. Abgesehen davon ein netter Track, kann ich mir gut anhören, vor allem dieses nülülülülülülü, nülülülülülülü zwischendrin. Hoffentlich hab ich mich jetzt bei den lü's nicht verzählt. Es zieht sich unserer Meinung nach ein bisschen, zwei Minuten hätten vollauf gereicht. Die Inszenierung ist ziemlich over the top. Es sind ein paar nette Ideen drin, zum Beispiel die Lupen am Anfang oder die Jedward-Gedächtnisfrisur-Handbewegung. Die Kostüme sind mindestens merkwürdig zu nennen, auch die Tanzbewirkungen sind vielleicht ein ganz kleines bisschen überdosiert. Glauben deshalb alle, dass das gewinnt?

Das wär ihr Preis gewesen: Finaleinzug natürlich gesetzt, vordere zehn Plätze auch, aber Sieg? Ernsthaft jetzt? Dafür ist das Lied dann doch zu sehr in die Länge gezogen.

7/10 (Kinder: 7 und 6)


Malta: Destiny - All Of My Love

Kennt jemand von Alan Parsons Project das "Tales of Mystery and Imagination"-Album? Ja? Na, dann wisst Ihr ja, woher der Anfang geklaut ist. Das ist natürlich alles seeeehr pathetisch und dramatisch, der Adler guckt streng, der Wind umtost die Klippen und die Sängerin sieht aus wie Esma Redžepova. Viel Stimmakrobatik in der Kehle, und das weiß sie auch ganz genau und setzt es gezielt ein. Anstrengend. Dazwischen immer wieder nachgestellte Szenen aus dem Video von "Arcade". Nur komplett blankzuziehen haben sie sich nicht getraut, aber ansonsten ist die Ähnlichkeit geradezu unheimlich. In wieder anderen Szenen rennen Menschen mit Mundschutz durch südländische Häuser - auf Malta ist das Ding mit Sicherheit nicht gedreht worden. Aber mit Mundschutz! MUNDSCHUTZ! Was? Das Lied? Och.

Das wär ihr Preis gewesen: Uff, schwierig. Wahrscheinlich knapp im Finale, daselbst dann rechte Hälfte.

5/10 (Kinder: 4 und 5)


Moldawien; Natalia Gordienko - Prison

Ach, Natalia. Du warst mal so eine Hübsche. Bist Du bestimmt immer noch, aber Dein Friseur und Dein Make-up-Artist haben ganze Arbeit geleistet. Natalia hat sich von Leonora die Idee mit dem Stuhl geliehen und von Alenka Gotar die Handlämpchen. Schön, die Handlämpchen mal wieder zu sehen. Das Lied und die Stimme sind eher so la la, nix, was man sich zuhause hinstellen würde. Darüber hinaus ist das alles zum Schreien aufgesetzt, mal wieder drei Minuten Lebenszeit für die Tonne, schönen Dank auch.

Das wär ihr Preis gewesen: Dem Prison der Ahoy-Arena wäre sie am Donnerstagabend bereits wieder entkommen.

4/10 (Kinder: 5 und 4)


Niederlande: Jeangu Macrooy - Grow

Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Es gibt so Länder, auf die ist bei der Eurovision immer Verlass. In den drei Minuten, wo wir das hier angeschaut haben, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Keiner hat sich gemuckst. Es ist wunderschön, sehr ruhig, sehr getragen, sehr schöne, berührende Stimme, bewegender Text über das Erwachsenwerden. Das Lied steigert sich dann langsam zum Schluss hin mit einem grandiosen Gospelchor - und klingt mal wieder total anders als alles andere. Einzig der abrupte Schluss ist gewöhnungsbedürftig. Ein typischer Gastgeberbeitrag, der sich absolut nichts beweisen muss und dennoch seine Liebhaber finden wird. So wäre zumindest zu hoffen.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich fürchte, der schnöde Pöbel hätte es nicht so sehr geschätzt wie Meineeine. Um Platz 13, gerne aber höher.

9/10 (Kinder: 9 und 8,5)


Nordmazedonien: Vasil - YOU

Hier mal wieder einer der wenigen Beiträge, wo wir uns komplett uneinig waren. Während die Kinder bereits nach einer Minute ständig auf den Tubenbalken starrten, um zu gucken, wie lange es denn jetzt noch dauert, fand ich es klasse. Gut, Undercuts sind nicht meins, aber das hier, das hat was. Ein Dancetrack, ja, aber mit Tango-Akkordeon drin. Nach dem Jurysieg letztes Jahr haben sie wohl Blut geleckt. Allerdings ist es hier auch wieder schwierig, den Song vom Video zu trennen, aber warum hätte man die Geschichte einschließlich der süßen Frau mit den großen Augen nicht genau so auf die Bühne bringen sollen?

Das wär sein Preis gewesen: Mit der entsprechenden Bühnenshow hätte das das Finale auf jeden Fall von innen gesehen, daselbst dann aber keine Rolle mehr gespielt.

7/10 (Kinder: 3 und 4)

Sonntag, 5. April 2020

Lass Dich überraschen, Teil 4

Puh, irgendwie sinkt ja doch die Motivation, wenn man genau weiß, dass man nicht weiß, ob man Recht hat oder nicht (sagt einem auch kein Licht). Aber wir ziehen das jetzt durch, auch wenn der Nachwuchs im Moment viel lieber Star Wars schauen würde. Recht haben sie.

Let's go on:

Island: Daði & Gagnamagnið – Think about things

Habt Ihr das Geräusch gehört? Dieses leise Rollen und Reiben? Das war Karl Lagerfeld, der sich im Grab rumgedreht hat. Sechs Menschen in froschgrünen (!) Jogginganzügen (!!!) mit ihrem jeweiligen gepixelten Konterfei auf der Brust (!!!!!) singen sich durch einen okayen Song, machen lustige Tanzbewegungen, haben schräg aussehende Instrumente mit leuchtenden Tasten dabei (auch haben will!) und geben alles in allem einen Scheißdreck auf das, was bei der Eurovision von einem erwartet wird. Die haben einfach Spaß. Spaß matters, und Spaß ist ansteckend.

Das wäre ihr Preis gewesen: Top Ten im Finale auf jeden Fall, als Siegeskandidat sehe ich das aber nicht.

7/10 (Kinder: 5 und 7,5)


Israel: Eden Alene – Feker Libi

Ist das da ein Theremin am Anfang? Endlich seh ich sowas auch mal in Aktion. Die israelischen Kibbuztänze sind alive and well, allerdings: Wer ist auf die Idee gekommen, die Herrschaften in Quietschgelb mit aufgeknöpftem Hemd auf der blanken Brust und dem obersten Hemdknopf geschlossen auf der Bühne rumzappeln zu lassen? Wahrscheinlich hat irgendwer beim Sender zu viel von diesem gelben Stoff bestellt, und irgendwas musste man ja damit machen ... es wird übrigens auch nicht besser, wenn man den Stoff grün beleuchtet und/oder Rüschen draufnäht. Eden Alene dagegen hat sich die Hose und die Schuhe von Maryon (Monaco 2004) ausgeborgt und Entfärber drübergekippt. Das Lied ist ganz okay und fasziniert vor allem durch seine Vielsprachigkeit. Da ich der entsprechenden Sprachen nicht mächtig bin, hab ich gespickt: Englisch, Hebräisch, Arabisch (Hebräisch und Arabisch in einem Song!!!!!), Amharisch und eine erfundene afrikanische Sprache. Im letzten Drittel ändert sich der Beat komplett. Man hätte ruhig das ganze Lied mit diesem Beat machen können.

Das wär ihr Preis gewesen: Hm. Schwierig. Wenn Finale, dann nur sehr knapp.

6/10 (Kinder: 6 und 6,5)


Italien: Diodato – Fai rumore

Manche Länder können es einfach, das muss man neidlos anerkennen. Italien ist so eins. Das hier, das hatte mich nach zwei Zeilen. Die Strophen sind super, den Refrain finde ich nicht ganz so stark, aber das macht nix. Die Kinder haben allerdings angemerkt, dass auch dieses Lied ein wenig zu lang geraten ist für das, was es erzählt. Der offene Schluss ist schön, daraus hätte man auf der BÜhne eine Menge machen können. Alles in allem: Gutes Handwerk, große Kunst, die tollste Sprache der Welt, und den jungen Mann kann man sich auch ansehen, ohne dass man das kalte Grausen kriegt. Unser Favorit im bisherigen Feld.

Das wär sein Preis gewesen: Es ist Italien. Top Ten sicher. Irgendwo in der Region, wo Marco Mengoni weiland auch war. Fischt ja schließlich auch in den gleichen Gewässern, aber hier finde ich den Song besser.

8/10 (Kinder 8,5 und 8)


Kroatien

In der Mitte des Songs fragte meine Tochter, wie lange es denn noch dauern würde, bis das rum sei. Das ist mindestens mal kein gutes Zeichen. Und sie hatte recht: Der Song ist typischer Balkansülz, nicht besonders schön und nicht besonders originell. Mittelmaß halt. Das Gesamtpaket: Laaaangwaaaaailig. Einzige Ausnahme: Die mehr als seltsame Vorbereitung der Rückung. Obendrein finde ich den Sänger nicht gerade attraktiv, so das man noch nicht mal was zu gucken hat. Kroatien dürfte eins der Länder sein, das den Ausfall des ESc 2020 ganz gut verschmerzen kann. Es ist so unoriginell, das mir nicht mal was Originelles dazu einfällt.

Das wär sein Preis gewesen: Gemütlicher Fernsehabend am Samstagabend.

5/10 (Kinder 4 und 5,5)


Lettland: Samanta Tīna – Still Breathing

Manche Darbietungen kann man nur sehr schlecht beschreiben, man muss sie erleben. Ich versuch es trotzdem. Wir haben: Drei Chorsängerinnen in schwarzen Retro-Badeanzügen, alle haben ein blaues Visier auf und darunter noch eine Maske, soweit ich das erkennen kann. Außerdem haben sie in der Hand eine Flasche mit einer neonpinken Flüssigkeit drin, wahrscheinlich die Droge, die man nehmen muss, um das hier noch zu ertragen. Dazu kommt Samanta, die den gleichen Friseur hat wie Tamara Todevska. Der, äh, Song? Conan Osiris meets Hatari. Dazu folgt Samanta dann der Aufforderung "Wildes Mädchen, schüttel dein Haar für mich" - aber sie schüttelt nicht nur das Haar, sondern auch ihren roten Fransenfummel mit Stofflücken an den falschen Stellen, während die Badeanzüge den Pelvic Thrust aus dem Time Warp in Zeitlupe nachtanzen. Es ist wie ein Auffahrunfall, grauenhaft, aber man kann nicht wegschauen. Immerhin, sie atmet noch, sagt sie zumindest.

Das wär ihr Preis gewesen: Wie gesagt: Conan Osiris meets Hatari. Das ist schon erlesen scheußlich, würde aber Liebhaber finden. Finaleinzug, dort obere rechte Hälfte.

0/10 Kinder: (0 und 2)

Dienstag, 31. März 2020

Lass Dich überraschen, Teil 3

Frankreich; Tom Leeb - The Best In Me

Uiuiuiuiui, das ist aber ein lecker Bürschchen. Und sehr tolle Kulisse im Video. Er steht oben auf der ersten (oder zweiten?) Plattform des nächtlich beleuchteten Eiffelturms, ganz ohne Netz und doppelten Boden und Sicherung. Hoffentlich hat er keine Höhenangst. Das wie seit einigen Jahren üblich zweisprachige Lied ist sehr schön, plätschert aber vor sich hin, und man wird durch die Optik von Sänger und Restvideo doch sehr davon abgelenkt. Das ist mal mindestens gar nicht mal so richtig positiv für das spätere Ergebnis.

Das wär sein Preis gewesen: Rechte Tabellenhälfte. Schnuckelpunkte hätte er schon kassiert, aber das langt üblicherweise nicht.
7 von 10 (davon mindestens 3 für die Optik. Kinder: 4 und 4 - die springen noch nicht auf die Optik an.)


Georgien: Tornike Kipiani - Take Me As I Am

Die Wundertüte des Kaukasus macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre. Wir schwanken noch zwischen seltsam und befremdlich, aber es geht zumindest nicht da rein, da raus. Aber rätselhaft ist es. Ist das jetzt immer derselbe Typ im Video, nur einmal mit Haaren und Bart und einmal ohne? Meine Tochter: "Das sind zwei. Das andere ist ne Frau." Jedenfalls fragt er, why you want him to talk like an Englishman? Ja, warum bitte? Wo er es doch nun wirklich nicht kann? Immerhin, die Kassetten aus dem Video und der Spielzeug-VW-Käfer waren witzig.

Das wär sein (ihr?) Preis gewesen: Wenn schon Finale, dann extrem knapp, aber ich glaube eher, es hätte ihn geschrägt.

3/10 (Kinder 2 und 3)


Griechenland: Stefania - Superg!rl [sic!]

Wow, also DAS nenn ich mal ein gelungenes Video! Die Geschichte ist super erzählt. Stefania gibt uns hier das Supergirl mit übernatürlichen Fähigkeiten, das dadurch zum Star wider Willen wird und ihre Liebe findet. Das Lied ist in den Strophen leider etwas schwach auf der Brust, der Refrain und die nölige Geige (oder was auch immer das für ein Streichinstrument ist) reißen es aber raus. Die Geigeoderwasauchimmer gibt dem Ganzen denn auch einen hinreichend griechischen, eigenständigen Touch. Daumen hoch von uns!

Das wär ihr Preis gewesen: Mit einer ansprechenden Inszenierung, wovon man bei den Griechen ja eigentlich immer ausgehen kann, Top-10-Kandidatin.

7/10 (Kinder: 7 und 7)


United Kingkong: James Newman - My Last Breath

Ich habs GEWUSST! Irgendwann kommt der Moment, wo der Vorjahressieger kopiert wird. Voilà. Wir erinnern uns, dass Duncan Laurence weiland splitternackt im Wasser trieb, was ihm ja bekanntlich nicht geschadet hat. Da dachte man sich im Mutterland der Popmusik, machen wir das doch auch. Aber wir setzen noch einen drauf, wir nehmen gleich gefrorenes Wasser. Duncan hatte keine Zeit, da hat man ein etwas älteres Semester genommen und ihm sicherheitshalber Badeshorts und eine Käppi angezogen. Jetzt läuft er also halbnackt (!) und barfuß (!!) mit seinem Hund durch den Schnee (!!!). Ich hoffe, dass der nicht mit auf die Bühne gedurft hätte (also der Mann, nicht der Hund, der darf ja eh nicht). Das Lied? Uff, da muss ich meine grauen Zellen jetzt aber echt anstrengen. Joo, war besser als die letzten Jahre, aber das heißt ja nix. An den Sänger kann ich mich absolut nicht mehr erinnern. Konnte er singen? Hatte er Ausstrahlung? Mer waaß es net. WAS muss man Ed Sheeran eigentlich zahlen, damit er endlich beim ESC mitmacht?

Das wär sein Preis gewesen: Ohne den nackten Mann: Letzter im Finale. Mit dem nackten Mann: Allerletzter im Finale.

4/10 (weil mir der Song als nicht unangenehm in Erinnerung geblieben ist. Kinder: 3 und 4)


Irland: Lesley Roy - Story Of My Life

Das hier, das hat was. Im Video wird exzessive Celebration von Diversity betrieben, und dazwischen hüpft die fröhliche, frische Lesley Roy und singt uns die Story ihres Lebens vor. Das Lied ist genauso erfrischend wie seine Interpretin. Das Ganze erfindet das Rad nicht neu, aber es macht Spaß und ist mit Sicherheit einer der besseren irischen Beiträge der letzten Jahre. Da die Iren zuweilen bei der Inszenierung von guten Beiträgen auch ein entsprechendes Händchen haben, wäre sie wohl zweimal aufgetreten.

Das wäre ihr Preis gewesen: Wie gesagt: Zwei Auftritte. Im Semi vom Televoting gerettet, am Samstag dann um Platz 17.

8/10 (Kinder: 7,85 und 8 minus)

Samstag, 28. März 2020

Lass Dich überraschen, Teil 2

Bulgarien: VICTORIA - Tears Getting Sober

Die kleine Schwester von Victoria Beckham sitzt mitten in Phantasien auf einer Bank und singt von ihren Tränen, die wieder nüchtern werden sollen. So gesehen hat das ja gigantisches Identifikationspotenzial. Wir kennen das ja alle: Bei Kummer knallt man sich die Birne zu und dann aber Wasser marsch! Sie macht das auch ganz gut, süß ist sie auch, der Song ist auch schön. Es fehlt mir persönlich allerdings ein bisschen der Wumms. Führte bis zur Absage der Show bei den Bookies. So weit würde ich jetzt nicht gehen wollen.
Warum schreibt sie sich eigentlich in Großbuchstaben? Brüllt sie uns mit ihrem Namen an? Victoria, die Siegreiche?

Das wär ihr Preis gewesen: So außergewöhnlich, dass es auf jeden Fall ins Finale gekommen wäre und seine Stimmen auch gesammelt hätte. Als Sieger hätte ich es aber nicht gesehen. Vermutlich untere Final-Top-Ten.

7/10 (Kinder: 7 und 8)


Dänemark: Ben & Tan - Yes

Dänische Beiträge und ich, das ist ja immer so eine Sache. Wenn mir mal einer gefällt, was so ungefähr alle hundert Jahre vorkommt, gefällt er niemand anderem. In diesem Jahr ist es mal wieder soweit: Zwei Menschen, die optisch so gar nicht zusammenpassen wollen (ein Knabe im Karoanzug mit Braver-Buben-Frisur und suboptimal ausgeleuchteter Sehhilfe trifft eine hübsche Frau in Overknees und auch ansonsten knappen Klamotten singen einen schmissigen Song, der mich sofort abholt und mir auch nach dem Hören noch im Ohr ist. Das ist weit mehr, als man von den meisten anderen sagen kann. Daumen hoch!

Das wär ihr Preis gewesen: Das Finale hätten sie meiner Meinung nach bombensicher geknackt. Daselbst knapp Top 15.

8/10 (Kinder: 7 und 8)


Deutschland: Ben Dolic - Violent Thing

Es ist so bitter: Da hat der NDR sich endlich mal die Kritik zu Herzen genommen. Hat sich hingesetzt, gehirnt, eine Menge Geld in die Hand genommen und ein richtig gutes Paket geschnürt. Alles riskiert und eigentlich alles gewonnen. Aber dann kam die Absage der Show. Das hier ist der beste deutsche Beitrag seit "Taken by a Stranger" (ja, ich bin nach wie vor kein Fan von Herrn Schulte!) und hätte bei entsprechender Inszenierung in Rotterdam abgeräumt. Unglaublich schade. Ich hoffe, dass Ben Dolic darauf aufbauen kann. Ich bin zugegebenermaßen nicht unbedingt die Zielgruppe des Beitrags, auch ist mir die Stimme tendenziell zu hoch, aber Herrschaften: Das ist gut.

Das wär sein Preis gewesen: Top 10 im Finale auf jeden Fall möglich, eventuell sogar noch mehr.

7/10 (Kinder: 6 und 9)


Estland: Uku Suviste - What Love Is

Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn einen irgendwelche Gimmicks vom Lied ablenken. In diesem Falle waren es die Kerzen auf dem Boden. Wie haben sie das gemacht? Wir mussten uns direkt den Anfang nochmal anschauen, um hinter den Trick zu kommen. Aber mehr als die Kerzen war ja eigentlich auch nicht drin. Uku ist jetzt nicht unbedingst der Welt größter Sympathieträger, er singt das ganz ordentlich, aber das ist nicht mehr als Füllstoff für sein Semi. Nun gut, für IRGENDWEN muss die Absage des ESC 2020 ja auch Vorteile haben.

Das wär sein Preis gewesen: Wie gesagt: Semi-Füllmaterial. Samstagabend vor dem Fernseher ist ja auch was Schönes.

6/10 (weil man es sich gut anhören kann und weil ich Kerzen mag - Kinder: 5 und 5)


Finnland: Aksel Kankaanranta - Looking Back

Wenn man sich mal überlegt, was für grandiose Beiträge dieses Land schon zum ESC geschickt hat (auch wenn die nicht immer honoriert wurden), da kann man im Moment nur noch das kalte Grausen kriegen. Aksel bedient die Nische des dicken Versicherungsvertreters, allein, man hat was vergessen: Wenn man so jemanden schickt, dann muss einen die Stimme komplett wegfegen, was sie in diesem Falle nicht tut. So ist es einfach nur langweilig. Dazu kommt, dass seine Klamotten gar nicht mal so richtig sitzen (Hochwasser-Hose und Capri-Ärmel vom Sakko). Ähm? Nein.

Das wär sein Preis gewesen: Auch er hätte wohl den Samstag vor der Glotze verbracht.

5/10 (Kinder: 4,5 und 4,45)

Donnerstag, 26. März 2020

Lass Dich überraschen, Teil 1

Albanien: Arilena Ara - Fall From The Sky

Sie singt davon, dass sie "destined to fly" ist, was bei dem Nachnamen ja kein Wunder ist. Wenn ich hintenrum heißen würde wie ein Papagei, würde ich auch fliegen wollen. Ansonsten liefert Albanien wieder mal seine Kernkompetenz: Schöne Frau kreischt sich mit einem sperrigen Song die Seele aus dem Leib - soviel zum Thema "Screaming inside". Die Dame is definitiv screaming outside. Guuut, es ist jetzt nicht soooo schleeeecht, man kann sichs anhören, aber es ziiiieht sich.
Lieber Eugent Bushpepa, hast Du eigentlich im Mai 2021 schon was vor?

Das wär ihr Preis gewesen: Knapper Finaleinzug, daselbst dann auf den hinteren Plätzen.
5/10 (Kinder: 5 und 5)


Armenien: Athena Manoukian - Chains On You

Ach, der Schatten der Eleni Foureira reicht weit, weit, weit. Viele versuchen es in diesem Schatten, so auch diese junge Dame hier, allein, sie kann es nicht. Sie hat weder die Ausstrahlung noch die (ohnehin schon dünne) Stimme der Foureira. Dat is doch nix. In grottigem Englisch wird hier über Diamanten salbadert (dabei trägt sie doch Perlen) und darüber, dass sie es an die Spitze bringen will.  Vom Rest des Textes hab ich nicht allzu viel verstanden. Liebsteken, an die Spitze hättest Du es damit vermutlich nicht gebracht. Der Song? Mach weg, nächster.

Das wär ihr Preis gewesen: Nach zweimal Semi-Aus (von denen mindestens anderthalb unverdient waren), hätte es in diesem Jahr die Inszenierung schon gerichtet. Mehr ist ja auch nicht dran.

2/10 (Kinder: 2 und  2)


Aserbaidschan: Samira Efendi - Cleopatra

Drei Minuten können so verdammt lang sein. Man versteht kein Wort, außer "and it sounds like this". Das, nach was es da soundet, hat uns erstmal aus den Schuhen gekippt. Die Dame ist mit einigen anderen Damen und Herren in der Wüste und umtanzt Autos. Vom Song hab ich außer "Lalalala lalalala lalalala, la Cleopatrrra" nichts mitgenommen. Mach das bitte auch weg. Wenn es schon Cleopatra beim ESC sein soll, dann sei an dieser Stelle auf den besten griechischen Beitrag aller Zeiten verwiesen.

Das wär ihr Preis gewesen: Herrgott, ja es ist Azedaze. Die Schmach eines erneuten Semi-Aus hätte die Inszenierung dann schon erfolgreich verhindert.

2/10 (Kinder: 3 und  3)


Australien: Montaigne - Don't Break Me

Ein grenzdebil rumzappelnder Clown, stimmlich ein Totalausfall, jault praktisch die ganze Zeit nur "Don't break me". Also mal abgesehen davon, dass ich Clowns leidenschaftlich hasse: Liebe Australier, Ihr habt doch nun wirklich eine geniale Musikszene. Was bitte sollte das? Wie kann man sich für sowas entscheiden? Waren die anderen alle noch schlechter, oder was war los? "I can't stand it any more." Ich auch nicht, Schätzchen, ich auch nicht.

Das wär ihr Preis gewesen: Der mit Abstand schwächste australische Beitrag hätte die Immer-Weiterkomm-Strähne krachend beendet.

3/10 (Kinder 2 und 2)


Belgien: Hooverphonic - Release Me

Hooverphonic! In dem Moment, wo klar war, dass die Belgien vertreten sollen, hab ich angefangen zu hyperventilieren. Das konnte doch nur gut werden. Okay, es ist nicht so ein Brett wie das legendäre "Sometimes", aber sehr, sehr schön. Sehr sanft, sehr melancholisch, das lassen wir uns alle gern gefallen.

Das wär ihr Preis gewesen: Entweder linke Hälfte im Finale oder Schock-Aus im Semi. Dazwischen gibt es nichts. Beiträge dieser Strickart fallen gern mal unter den Tisch, allein, da sei in diesem Falle die Bekanntheit der Künstler vor.

8/10 (Kinder 6 und 6)

Wir lassen uns das Lästern nicht verbie-ten!

Tja, Ihr lieben Menschen da draußen, Ihr habt es alle mitbekommen: Unser aller liebste, tollste, schönste, beste Fernsehsendung von draußen ist dieses Jahr gecancelt. Is nich. Gibt kein Eis. Ein Jahr ohne ESC, das erste Mal seit Bestehen desselben.

So sehr das schmerzt und so bitter das für alle Beteiligten ist, ist das aus jetziger Sicht sicher die richtige Entscheidung gewesen. Was es bringt, werden wir noch sehen. Einstweilen hoffe ich, dass es Euch da draußen allen gut geht und dass Ihr bisher vom Coronavirus verschont worden seid und das auch so bleibt. Bleibt bitte alle gesund, das ist im Moment das Wichtigste.

Wie es so meine Gewohnheit ist, hab ich mir das Anhören und Anschauen der Beiträge auch in diesem Jahr aufgespart, bis alles feststeht. Aus jetziger Sicht kann ich nur sagen: Eine selten dämliche Entscheidung. Ich mach es nächstes Jahr wieder so. Aber was soll man jetzt belästern, wenn es doch alles nur Makulatur ist? Ich glaub, ich lasse das und mache nächstes Jahr wei- äh, was?

Das geht aber gar nicht? Was wäre ein Eurovisionsjahr ohne unsere fachkundefreie Verurteilung? Das wär ja wie ein Melodiefergevaltigen ohne 4-Chord-Song, wie Alexander Rybak ohne Geige, wie Verka ohne Stern?

Jepp. Genau das haben meine Kinder auch gesagt, sie drängeln mich seit Tagen,  dass wir uns den Jahrgang jetzt endlich mal geben. Und wer wäre ich, mich den Wünschen meiner Kinder zu verschließen?

Also, gehn mer's an. Oder, um es mit den Worten eines einstmaligen niederländischen (!) Eurovisionsteilnehmers zu sagen: "Lass Dich überraschen!"

Sonntag, 16. Juni 2019

ESC-2019-Nachlese - Consis beste Sprüche

Constantin Zöller, wo warst Du bisher in meinem Leben? Oh mein Gott, ich werde hier gerade zum Fangirl. Hab entgegen meiner Gewohnheit doch mal in den youtube-Kanal von eurovision.de geschaut, und was ich da von dem coolen, supersexy seienden und sensationell witzigen Consi in Songchecks und Reaktionsvideos gesehen und gehört habe, hat mir in den letzten Tagen einen Lachflash nach dem anderen beschert.

Gestatten?

"Das ist wie so 'ne Kinder-CD, wo der Song runtergeklaut wurde. Als ob man Katzenbabys in Zuckerguss ertränken möchte." (Dänemark)

"Man kommt sich ein bisschen vor, als wäre man gerade in einem Bewerbungsgespräch bei der Sparkasse Osnabrück." (Dänemark)

"Die zwei Typen sehen aus, als wären sie gerade morgens um vier Uhr dreißig aus'm Swingerclub rausgekommen." (Norwegen)

"Die bewegen sich auf der Bühne wie die Bon-Jovi-Coverband in Erkenschwick." (Norwegen)

"Er fängt an zu jodeln, was sich anhört […] wie Herbert Grönemeyer, der sich gerade an einem Stück Blutwurst verschluckt." (Norwegen)

"Frisch von der Fummel-Playlist runter auf Platz Nummer 7: Slowenien." (er stellt seine Top Ten vor)

"Hallo Ingeborg, hey, Walter, grüß dich! So kommt der Joci vermutlich auch in Tel Aviv an, weil, er kennt ja vermutlich einfach schon alle." (Ungarn)

"Ich weiß auch gar nicht, was er singt. Er singt ja in seiner Muttersprache und kann uns irgendwas von Spülmaschinentabs erzählen, mir auch egal, ich glaub dem das." (Ungarn)

"Also, wenn der Italiener an der Ecke endlich seine Eros-Ramazotti-CD mal austauschen möchte: Wie wärs denn mit einem Album von Mahmood?" (Italien)

"Ladies and Gentlemen: Despaschwizo." (Schweiz)

"Also, meine schwulen Freunde haben jetzt schon Sabberfäden bis zum Boden." (Schweiz)

"Aber siehste mal, war DSDS doch noch für irgendwas gut!" (Schweiz)

"Mit diesem Song ist es so ein bisschen wie mit einem Feuerwerkskörper: Man zündet die Zündschnur an, es zischt, und es passiert: Nichts." (Österreich)

"Das in Dauerschleife - ich kann mir gut vorstellen, dass man in Polen seine politischen Gegner so foltern könnte." (Polen)

"Meine Damen und Herren: Victor's Secret." (Kroatien)

"Ich glaube, ich bin allein durchs Anschauen nochmal schwuler geworden." (Kroatien)

"Ich glaub dem das, dass der die auch sonst an hat. Ich seh den damit einkaufen gehen. Er greift nach 'ner Dose Thunfisch und räumt derweil vier andere Regale ab mit diesen Flügeln, aber er lebt es, verdammt, und darum geht es." (Kroatien)

"Wandertag im Kitkat-Club. Ist das nicht fantastisch?" (Island)

"Finale! Bitte! Schon alleine, dass sich Annegret Kramp-Karrenbauer an ihrem Eckes-Edelkirschlikör verschluckt, wenn die auf die Bühne kommen!" (Island)

"Irgendwo zwischen Comic-Heldin und Abi-Ball. Auch diese Stäbe an den Armen - wie praktisch, oder? Können die anderen Künstler direkt ihre Jacken dran aufhängen." (Serbien)

"Vielleicht ist es so ein bisschen der Gedanke, was man aus Fondue-Stäben alles machen kann." (Australien)

"Also, wenn die Veranstalter vom Kinder-Fußballturnier in Bietigheim-Bissingen noch einen Song für die Halbzeitpause brauchen: Wie wär's hiermit?" (Spanien)

"Vier Schnaps, vier Bier, danke, und dieser Song." (Spanien)

"Kann mir bitte irgendjemand den Kopf streicheln, während wir diesen Song hören?" (Griechenland)

"Also, das ist 1:1 der Titelsong einer Telenovela. Wahnsinn. Du kriegst auch in 30 Sekunden eine Bullshit-Bingo-Karte voll." (Moldawien)

"Also, prinzipiell lern ich Leute ja gern in Klamotten kennen." (Aserbaidschan)

"Der Typ ist ja auch ganz nett, aber ich krieg da halt emotional leider keinen hoch." (Estland)

"Also, das hat ja Unterhaltungswert und ist auch alles schön und gut, aber leider nur ironisch. Sorry, Meister Proper." (San Marino)

"Wenn große schmale Menschen tanzen, dann sieht das halt gerne mal so aus wie Olivia, die bei Popeye um Hilfe ruft." (Tschechien)

"Also, mit diesem Song ist es auch wie mit so 'nem Brennen beim Wasserlassen. Man ignoriert's erstmal und hofft, dass es von alleine weg geht. Aber es wird vermutlich nicht passieren." (Montenegro)

"Bei ihr frag ich mich: Ist sie hauptberuflich Pflegerin in 'nem Altenheim, oder was soll dieser Sitztanz da die ganze Zeit?" (Rumänien)

"So stell ich mir 'ne Ehe vor, ne? Am Anfang noch ganz nett, und dann verliert es sich in Wiederholungen." (Belgien)

"Selbst ein Backstein an einer Schnur würde sich auf einer Bühne mehr bewegen als Balkan-Leonardo-di-Caprio." (Litauen)

"Das ist so, wie wenn du richtig Heißhunger hast. Und dann kriegst du eine Hand voll Puffreis. Und danach geht es dir genau so wie davor." (Litauen)

"Ich finde, die könnten auch so'n tantrischen Massagesalon irgendwo haben - sehr sinnlich. Sie heißt Aloe Vera, er heißt Ayurveda." (Lettland)

"Man darf nicht nackt auf die Bühn… oooch, was mach ich das hier? Scheiß-Wettbewerb!" (Niederlande)


Was muss man machen, dass der mit schnellstmöglicher Wirkung die Nachfolge vom Urban antritt?

Samstag, 15. Juni 2019

ESC-2019-Nachlese - Nochmal Platz 25

Nein, es ist wirklich nicht leicht, in Zeiten wie diesen ein deutscher ESC-Fan zu sein. Das Desaster mit den Sisters war ebenso abseh- wie vermeidbar, worauf ich in diesem Posting noch ein bisschen näher eingehen möchte.

Zunächst die beiden Mädchen. Ich finde Laura und Carlotta nach wie vor nicht besonders sympathisch, sie tragen aber an der ganzen Misere am allerwenigsten Schuld. Wenigstens sind sie, soweit ich das gesehen habe, eher nicht dafür verantwortlich gemacht worden, der Shitstorm, der bereits nach der Vorentscheidung ausbrach, traf komplett den NDR, wo er auch hingehört.

Wenn dann nach Probenbeginn so gut wie alle internationalen Blogger Deutschland bretthart auf dem letzten Platz sehen, dann hat das nichts mit Böswilligkeit zu tun, sondern damit, dass das, was man da dem internationalen Zuschauer geboten hat, schlichtweg nicht gut oder auffällig genug ist. Ich bin mir sicher, dass "Sister" bei kaum jemandem wirklich auf dem letzten Platz rangierte. Aber das reicht nicht. Damit ich für einen Beitrag anrufe, muss er bei mir auf Platz 1 liegen. Nur dann nehme ich dafür Geld in die Hand. So sind die null Punkte im Televoting nur folgerichtig.

Aber woran liegt das? Und woran lag es, dass Michael Schulte im letzten Jahr ohne Probleme einen vorderen Platz erreichen konnte?

Ganz einfach: Am Gesamtpaket. Man kann den Schultemichel mögen oder nicht (meineeine mag ihn bekanntlich nach wie vor nicht), aber er hatte ein rundes Gesamtpaket. Da stand jemand auf der Bühne, der genau wusste, was er wollte, der SEIN Ding gemacht hat und sich nichts hat aufdrücken lassen. Gleiches gilt für alle Sieger seit mindestens mal Conchita. 

Und die Sisters? Kriegen einen Song aus dem Songwriting-Camp untergejubelt in der Hoffnung, dass sie das irgendwie hinkriegen. Kriegten sie auch, aufgrund bekannter Vorgänge. Aber international war damit nix zu holen.

Deshalb, lieber Thomas Schreiber und lieber NDR: Hört doch endlich auf, alles schönzureden. Steht doch einfach mal zum dem Mist, den Ihr gebaut habt. Das hier war ein hausgemachtes Versagen. Unterschwellig hörte man bereits im Vorhinein Kritik an Song und Verfahren (ja, auch von Peter Urban!). Es braucht kein neues Auswahlverfahren, sondern das bestehende muss einfach umgesetzt werden. Ohne Wildcard. Ohne Songs, die irgendwem aufgedrückt werden. Und MIT einer Vorauswahl der Genres, damit wieder Vielfalt einzieht im deutschen Vorentscheid! Der Weg dieses Jahr war schon gar nicht schlecht, wenn nicht die Startnummer 7 gewesen wäre. 

Und lieber Thomas Schreiber: Für den Supersong, den Sie da für 2020 noch in der Schublade haben, gibt es genau zwei Möglichkeiten. Entweder Sie geben ihn den Songschreibern, damit er von denen 2020 performt wird, immer unter der Voraussetzung, dass sich damit ein schlüssiges Gesamtbild ergibt - oder Sie geben ihn der Papiertonne. Ohne eine Einheit aus Song, Interpret und Performance hat das Ganze nämlich keine Chance!

Dass die Briten das gleiche Problem haben, ist übrigens kein Trost. Lest mal folgenden Brief von Roy D. Hacksaw: https://oneurope.co.uk/eurovision/an-open-letter-to-bbc-eurovision-2/
Da kann man eigentlich fast alles unterschreiben.

Also: Kein neues Konzept, sondern das bestehende einfach mal leben. Mut zur Vielfalt. Wie ich vor längerer Zeit schon mal schrob: Ich sehe mein Land lieber mit Grandezza untergehen als mit Langeweile. Aber wenn man diese Einheit schafft zwischen Song, Interpret und Performance, dann muss es überhaupt nicht zum Untergang kommen!


Freitag, 14. Juni 2019

ESC-2019-Nachlese - Platz 1

1. Niederlande - 498 Punkte

Televoting:  261 Punkte (Platz 2)
Jury: 237 Punkte (Platz 3)

Oh, was haben sie sich alle schon das Maul zerrissen. "Blasser Verlegenheitssieger", "schäbigen Gesamtsieg erschlichen", "nur Keiino sind die einzig wahren Sieger" und so weiter und so fort. Alles Bullshit! Erstens hat sich Duncan nichts "erschlichen", sondern seinen Song performt (und das herausragend gut) und dafür von Jurys und Televotern eine Bewertung kassiert, die zweitens den Regeln gemäß zum Sieg geführt hat. That's it. De Regels sind de Regels. Und wie ich finde: Hochverdient und auch nicht so wirklich unerwartet. Okay, er war vermutlich nicht nur aufgrund des Songs, sondern vielleicht zu einem klitzekleinen Winzteilchen auch aufgrund des Komplett-Blankziehens im Video fast durchgehend auf der Pole Position der Wettquoten - aber dieser Position musste er auch erstmal gerecht werden. Und das ist ihm gelungen. Er ist so sehr für seine Inszenierung kritisiert worden, aber im Grunde brachte er durch das Kauern (Sitzen kann man das nicht nennen) genau die Verletzlichkeit rüber, die dieser Song braucht (und die im übrigen auch durch seine Nacktheit im Video unterstrichen wurde). Dazu zweimal makellose Gesangsleistungen, bis auf Italien keine wirkliche Konkurrenz - fertig ist der Sieger.
Überdies ein sehr sympathischer, bodenständiger, aber auch selbstbewusster Typ, der den Sieg meiner Meinung nach unbedingst verdient hat (immerhin hab ich meine 20 SMSe an ihn verballert!). Van harte gefeliciteerd, Nederland! Ich freu mich auf die Sause nächstes Jahr bei Euch!

Sonntag, 9. Juni 2019

ESC-2019-Nachlese - Platz 2-6

2. Italien - 472 Punkte

Televoting:  253 Punkte (Platz 3)
Jury: 219 Punkte (Platz 4)

Ich sage es nochmal: Auch wenn viele "Soldi" als besten italienischen Beitrag aller Zeiten sehen, kommt er meiner Meinung nach nicht an "Occidentali's Karma" (das leider nicht gut gealtert ist) und vor allem nicht an "Non mi avete fatto niente" ran. Aber dennoch war das hier natürlich hochklassig und hat völlig verdient die Silbermedaille kassiert. Im Gegensatz zu ihren sonstigen Gewohnheiten brachten die Italiener dieses Mal Tänzer auf die Bühne. Mahmood war wütend, sehr wütend und hielt das auch bis zum Schluss durch. Bei der Danksagung brach dann die Freude über den gelungenen Auftritt aus ihm heraus. Ich mag weder seine Stimme noch seine Optik, aber das war schon großes Kino. Italien, Ihr seid jetzt so langsam mal fällig!


3. Russland - 370 Punkte

Televoting:  244 Punkte (Platz 4)
Jury: 126 Punkte (Platz 9)

Erwartungsgemäß fuhren die Russen mal wieder ganz große Geschütze auf: Spiegelwand, Hologramme, Duschkabine mit echtem Wasser. Passte trotzdem leider nicht zum Song, da war das Video viel stimmiger. Dass das nicht leicht werden würde, wenn man ein solches Kunstwerk auf die Bühne bringen will, war klar. Trotzdem, Sergey hat sich bestimmt mehr erhofft als schon wieder Platz 3, dieses Mal sogar mit wesentlich schlechteren Einzelergebnissen. Allerdings muss man auch sagen, dass er im Finale das Ende ziemlich versemmelt hat, warum auch immer. Dennoch: Man muss ihm huldigen. Nicht nur, weil es der am schwierigsten zu singende Song in diesem Jahr war, sondern weil er auch der einzige ist, der sich von Kirkorov bei den PKs nicht die Schau stehlen lässt.
Alles in allem hätte ich mir hier mehr gewünscht und hätte ihm auch den Sieg sehr gegönnt.


4. Schweiz - 364 Punkte

Televoting: 212 Punkte (Platz 5)
Jury: 152 Punkte (Platz 7)

Da muss erst ein DSDS-Sieger kommen, um für die Schweiz nach 26 Jahren mal wieder die Top 5 zu knacken! Und der erste Schweizer seit 33 Jahren! Céline Dion und Annie Cotton stammen ja bekanntlich aus Kanada. Herrlich, für diesen an Absurditäten nicht gerade armen Jahrgang ausnahmsweise mal eine schöne Absurdität. Und so verdient: Im Semi war Lucas Auftritt klar der beste, selbst wenn man mal ein paar scheppe Töne abzieht. Aber er sieht klasse aus, er strahlte, er tanzte großartig und regierte die Bühne. Irgendwo schrieb jemand, das hier sei Fuego 2019. Is was dran. Im Finale war dann auch der Gesang besser. Lieber Luca, Du kannst wirklich stolz auf Dich sein! Chapeau, Schwiiz!


5. Schweden - 334 Punkte

Televoting: 93 Punkte (Platz 9)
Jury: 241 Punkte (Platz 2)

Zwei von der ersten bis zur letzten Sekunde absolut perfekte Auftritte, wie nicht anders zu erwarten. Langweilig, könnte man meinen. Aber da war der Interpret davor. John ist superniedlich, charismatisch, singt toll und hatte bei beiden Auftritten von der ersten bis zur letzten Sekunde Spaß. Dazu kamen seine Mamas, genauso liebenswert und den wohl besten Chor des Jahrgangs bildend. Am Ende hat er mir ein bisschen leid getan. Als es um den Sieg zwischen ihm und Duncan ging, haben sie ihn ja ewig zappeln lassen, nur um dann das ganze mit den 93 Punkten quasi implodieren zu lassen. Das hat er nicht verdient. Ich bin trotzdem froh, dass er nicht gewonnen hat, dazu ist der Song dann doch zu sehr Nummer sicher. Der fünfte Platz geht vollauf in Ordnung.


6. Norwegen - 331 Punkte

Televoting:  291 Punkte (Platz 1)
Jury: 40 Punkte (Platz 18)

Was war nicht vorher alles über diesen Song geschrieben worden. Euro-Trash (stimmt, aber beim ESC will, darf und soll man sowas hören), das will man nicht (stimmt nicht), und dieser Joik, den will man erst recht nicht (stimmt erst recht nicht!) Dabei hat man eine Sache aber übersehen: Wenn man in einem Jahrgang, der zu 90 Prozent sehr dröge ist, einen Song hat, der von der ersten bis zur letzten Sekunde Spaß macht und dazu von drei supersympathischen, erkennbar nahbaren Interpreten gesungen wird, dann macht man nicht so irre viel falsch. Der Sieg im Televoting im Semi und im Finale war dennoch eine Überraschung, zumal ich den Finalauftritt nicht so wirklich berauschend fand und deshalb meine SMSe auch nicht für Norwegen auf die Reise geschickt habe, obwohl es mein Jahrgangsliebling ist. Umso schöner der Moment, als sie ihre Punktzahl gesagt bekommen haben. Apropos Punktzahl: Das nenn ich mal eine krasse Verwerfung!
He lo e loi la!

ESC-2019-Nachlese - Platz 7-11

7. Nordmazedonien - 305 Punkte

Televoting:  58 Punkte (Platz 12)
Jury: 247 Punkte (Platz 1)

So, so schade, dass man Tamara um ihren großen Moment gebracht hat. Das tut einem in der Seele weh. Da singt sie sich selbige aus dem Leib, schafft das beste Ergebnis für ihr Land überhaupt (und die erste Top Ten Platzierung), gewinnt das verdammte Juryvoting - und wird nicht gewürdigt dafür. Schande über Dich, EBU! Und Schande über Euch, Zweifler! Wie konntet Ihr ernsthaft glauben, dass das nicht ins Finale kommt? Wir wissen doch, dass sie singen kann, und wir wussten auch, was sie für eine grandiose, glaubwürdige (! Sieh her, NDR, so macht man das!) Botschaft hat. Gibt es eigentlich irgendwo eine Aufdröselung der Jurystimmen in Männlein und Weiblein? Ich möchte ja wetten, dass sie ihre Punkte hauptsächlich aus der Damenwelt (und der LGBT-Welt) kassiert hat


8. Aserbaidschan - 302 Punkte

Televoting:  100 Punkte (Platz 8)
Jury: 202 Punkte (Platz 5)

Meine Damen und Herren, hier ist er: Der Song, der mir 2019 auch nach dem zweiundelfzigsten Hören nicht im Ohr geblieben ist. Ist ja auch kein Wunder, denn das beste an diesem Beitrag ist der Body von Chingiz. Der weiß das auch. Boah, seh ich gut aus! Guck mal, seh ich nicht gut aus? Ich zeig dir auch gern meine Muckis, hier (bei der Finalistenverkündung)! Jetzt guck doch mal! Scheißegal, dass ich kein Wort Englisch kann und keinen blassen Dunst davon habe, was ich da eigentlich singe. Ich bin so schön, ich bin so toll, ich bin dein Jurowischen-Proll! Also, mir gibt der Typ GAR nix.
Die Inszenierung mit den Roboterarmen mag ja toll sein, aber ich finde sie gruselig. Da hat man mal wieder jede Menge Energie in die Inszenierung gesteckt und eine Operation am offenen Herzen simuliert. Ging natürlich schief, denn: Herz hat das hier keins. Seele auch nicht.


9. Australien - 284 Punkte

Televoting: 131 Punkte (Platz 7)
Jury: 153 Punkte (Platz 6)

Was! Für! Eine! Endsgeile! Inszenierung!!! Und dazu dann noch Kates makelloser Gesang (im Finale noch besser als im Semi), ihre gewinnende Ausstrahlung - das machte die Popera dann doch fast schon wieder vergessen. Das Genre ist nach wie vor nicht so meins, aber das hier war absolut grandios. Man hatte zwar gegen Ende immer ein bisschen Angst, ob die drei Grazien nicht doch irgendwann mal zusammenstoßen (einen Zusammenstoß mit Kates Krone stelle ich mir ziemlich schmerzhaft vor), aber mein lieber Herr Gesangverein, was war das klasse! Schade, dass es nur Platz 9 geworden ist, klar unterbewertet. Und das Mucki-Dschinghis vor ihr gelandet ist, ärgert mich kolossal!


10. Island - 232 Punkte

Televoting: 186 Punkte (Platz 6)
Jury: 46 Punkte (Platz 15)

Normalerweise, wenn ich einen Beitrag so richtig hasse, fällt es mir recht leicht, ihn zu schmähen. Mit meinen Tiraden gegen "Wars for nothing" und "You let me walk alone" lassen sich ganze Bücher füllen. Hier gelingt mir nicht mal das, weil das ganze einfach so unfassbar scheußlich ist, dass mir da die Worte fehlen. Dazu kommt, dass ich erstens Dystopien grundsätzlich nicht mag. Die meisten malen nur den Teufel an die Wand, ohne sich um Lösungen Gedanken zu machen. Das ist mir zu wenig. Zweitens nehme ich den Hataris ihre Botschaft auch nicht wirklich ab. Das ist alles so aufgesetzt und kommt mir persönlich vor wie Provozieren um des Provozierens willen. Dazu passt das Zeigen der Palästinenserflagge im Greenroom bei der Bekanntgabe der Televoting-Punkte auch ganz gut. Im letztmöglichen Moment, wo einem nix passieren kann, wie mutig. Ihr habt doch sicher die Palästinensergebiete besucht, oder? Habt Ihr nicht? Na sowas aber auch..
Wie man die Falsettgesänge von Klemens als "Engelsgesang" oder "Feengesang" bezeichnen kann, erschließt sich mir übrigens nicht. Und was ich höre, wenn Matthías seine Tiraden ins Mikro brüllt, bekommt Ihr dann demnächst (ja, man kann auch mit Hassbeiträgen phonetische Übersetzungen machen, wenn es sich gar zu sehr aufdrängt).
Ist das Kunst oder kann das weg? Ich finde nach wie vor: Kann weg.


11. Tschechien - 157 Punkte

Televoting:  7 Punkte (Platz 24)
Jury: 150 Punkte (Platz 8)

Dass es einem Beitrag im Televoting das Genick bricht, kommt öfter mal vor. Aber selten ist der Grund so klar zu benennen wie in diesem Fall. Ich sag nur: "Ladies and gentlemen watching Eurovision! We are Lake Malawi from the Czech Republic!" Warum, Albert, warum? Und dann auch noch in jedem verdammten Schnelldurchlauf ausgerechnet diese Stelle? Dabei wart Ihr vorher und nachher so, so gut. Die Inszenierung mit den drei leuchtenden Türrahmen war simpel, aber extrem effektiv, der Effekt mit dem Einblenden der Türen vor schwarzem Hintergrund kam supergut. Der Song ist auch toll, und Albert aka der Flummi in Gelb versprühte Leichtigkeit und Charme ohne Ende. So, so schade, das hätte zwingend die Top 10 knacken müssen!

ESC-2019-Nachlese - Platz 12-16

Uff, ich komm grad echt nicht hinterher … aber ich versuch mein Bestes. Weiter geht's mit dem Finale:


12. Dänemark - 120 Punkte

Televoting:  51 Punkte (Platz 15)
Jury: 69 Punkte (Platz 12)

Puh, Leonora, da hast Du aber Schwein gehabt. Ein Punkt vor Litauen, und den auch mit Fragezeichen. Meine Güte, war die verkrampft, im Semi noch weit mehr als im Finale. Irgendwie finde ich ihren starren Blick schon ein bisschen scary. Deshalb bin ich auch nicht sicher, ob das Lied wirklich so ihrs war. Das Lied erfordert Leichtigkeit, und davon besitzt Leonora leider nur sehr wenig. Dass es trotzdem gerade noch das Finale schaffte und dort bis auf Platz 12 segelte, hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Die Inszenierung mit dem Stuhl und dem Wolkenhintergrund war genau richtig, und vor allem: Die Leichtigkeit war da! Nämlich in Form der beiden entzückenden Backings Sofie Niebuhr McQueen (die mit der Brille) und vor allem Andrea Heick Gadeberg (die mit dem rotblonden Pferdeschwanz - und ihr habt gedacht, Annett Louisan wär niedlich). Die haben alles rausgerissen. Mein Lieblingsmoment: Als die beiden männlichen Tänzer die Leiter erklommen hatten, begrüßte Andrea ihren Nebensitzer mit einem deutlich hörbaren "Hei!" und zog ihn in den Arm (vor allem beim Semiauftritt sehr gut zu sehen). Herrlich. Ich bin sicher, hätte Andrea den Song gesungen, wäre er locker in die Top 10 gekommen.


13. Zypern - 109 Punkte

Televoting:  32 Punkte (Platz 20)
Jury: 77 Punkte (Platz 11)

Ich habs versucht. Wirklich. Ich wollte hier über Tamtas Song, ihre Performance, ihre Gesangsleistung und so weiter schreiben. Allein, es gelingt mir nicht. Der Song ist meeh, stimmlich wars zumindest im Finale okay, tanzen kann sie sowieso, die Bühne rocken auch. Aber all das geriet zur Nebensache.
WAS BITTE hatte sie da AN? Kann mir das irgendwer schlüssig erklären?
Oder anders gefragt: Ist es so eine tolle Idee, vor dem Auftritt noch schnell im Rotlichtbezirk shoppen zu gehen? Gebt Euch aber keine Mühe, der Body, den man nach dem Entfernen der Jacke sieht, ist hautfarben gefüttert. Aber diese … äh … Beinbekleidung! Die Handschuhe! Und dann noch die halbnassen Haare, ungefönt! Und dann nur der zweite Platz beim Barbara Dex Award?
Diese andorranischen Schneider sind aber auch echt ein Pack!


14. Malta - 107 Punkte

Televoting: 20 Punkte (Platz 22)
Jury: 87 Punkte (Platz 10)

Uff, ich glaube, ich bin einfach zu alt für diesen Song und die ganze Performance. Es gibt mir nix, ich find das Outfit unmöglich, die Stimmfarbe und die Frisur im Semi sind auch nicht meins, und der Song sowieso nicht. Und ausgerechnet bei DIESEM Song hat sich am Tag des Semis rausgestellt, dass eine meiner längstjährigen Freundinnen mit Michela verwandt ist. Ich möge doch bitte für Malta anrufen. Nun ja. Michela machte das ja durchaus gut und hatte auch Spaß auf der Bühne, mir war das aber alles zu viel und zu bunt. Ich sag ja: Ich werde alt.


15. Slowenien - 105 Punkte

Televoting: 59 Punkte (Platz 11)
Jury: 46 Punkte (Platz 16)

Bei der EMA hat "Sebi" mich bekanntlich so gar nicht abgeholt. In Tel Aviv dagegen war es nicht mehr ganz so leblos wie dort, nur um Nuancen, aber die haben es ausgemacht. So konnte sich das Mystisch-Verträumte dieses Songs voll entfalten. Planet Zala-Gasper ganz allein in der Galaxie. Magisch. Das gegenseitige Befingere ist vermutlich nicht durchchoreographiert, kam den beiden aber trotzdem locker von der Hand. Denn: Sie sind seit drei Jahren zusammen. Den Berichten aus Tel Aviv zufolge haben sie jeden Moment, wo die Kamera aus war, mit Knutschen verbracht. Eine großartige Bereicherung des Starterfeldes, und in echt sind sie, wenn man die Sieger-PK nach dem ersten Semi als Maßstab nimmt, genauso verpeilt wie auf der Bühne. Klasse!


16. Frankreich - 105 Punkte

Televoting:  38 Punkte (Platz 18)
Jury: 67 Punkte (Platz 13) 

Wow. This man meant business, and it showed. Bilal brachte zwei Tänzerinnen mit, eine füllige, die trotzdem leicht wie eine Feder über die Bühne schwebte, und eine taubstumme. Das nenn ich mal mutig. Und es funktionierte blendend. Alles an diesen drei Minuten war einfach großartig, auch wenn Bilal in der zweiten Hälfte des Songs stellenweise etwas überambitioniert rüberkam. Aber trotzdem: Super. Hätte gern etwas besser bewertet werden dürfen, vor allem im Televoting. Ich hoffe, dass das seiner gesammelten Haterschaft jetzt trotzdem das Maul gestopft hat!