23. Deutschland
Was reimt sich auf Schland? Genau: Rant. Let's go.
Fangen wir mal am Ende an: Natürlich wurde wieder auf die Bubble draufgehauen, wir wären ja alle nur am meckern und hätten es ja alle wieder gleich gewusst. Aber es ist ja so: Wir HABEN es ja auch alle gleich gewusst. Seit die Songs für das deutsche Finale feststanden, war klar, dass zumindest beim Songwriting keine Exzellenz vorhanden war. Also musste die Exzellenz dann woanders herkommen.
Das Beste zuerst: Sarah hat sich den Poppes aufgerissen, um für Deutschland eine würdige und begeisterte Repräsentantin zu sein. Sie hat sich mit allem, was sie ist und hat, in diese Erfahrung gestürzt und dabei eine Begeisterung an den Tag gelegt, die ich mir jedes Jahr von unseren Vertreter*innen wünschen würde, und wir wissen alle, diese Begeisterung gab es weiß Gott nicht immer. Sie hat Bühnenerfahrung und -präsenz, eine tolle Stimme, ein umwerfend hübsches Äußeres und jede Menge Follower. Alles mindestens mal keine Nachteile. Dass das international leider überhaupt nichts zu bedeuten hat, konnte man trefflich auf der Wiener Bühne sehen. Denn so super, wie es überall geschrieben wurde, war Sarah leider nicht. Da klemmte dann doch der eine oder andere Ton an einer Stelle, wo er nicht hingehörte, und vor allem klemmte die Atmung. Schaut Euch das mal an, bei der Zeile "Like a vampire, you hide, then come out the night" singt sie das "then" kein einziges Mal, sondern holt tief und hörbar Luft, was sie im VE in dieser Intensität noch nicht gemacht hat. So wirkte es so, als sei sie außer Atem. Auch bei einigen anderen Stellen kam es so rüber, als würde sie nicht alle Wörter singen, die dort vorgesehen sind. Das ist aber für eine solche Performance ein absolutes No-Go. Es soll bittschön leicht wirken! Du darfst sein was du willst, aber nicht außer Puste! Geschnauft wird erst, wenn alles vorbei ist!
Das allein hat genauso wenig wie der Todesslot zu den null Televoting-Punkten geführt. Es gab ein viel gravierenderes Problem, nämlich: Die Kameraarbeit! Wir gehen voooor und zurüüüück und voooor und zurüüüück und zeigen Totaaaaalen und ... ARGH! Wer war dafür verantwortlich? Bitte nie wieder verpflichten und Lohn zurückfordern wegen mangelhafter Erledigung der Aufgabe. Und als wäre das noch nicht genug, ist irgendein Kompetenzsimulant auf die Idee gekommen, im Schnelldurchlauf die Stelle 2:30 zu nehmen - nur weil Alexandra Wolfslast gesagt hat, dass diese Stelle wichtig ist. Ist sie auch, sehr sogar. Aber wenn dieser 2:30-Moment daraus besteht, das Sarah tief Luft holt und das hohe "Fiiiiiireeee" singt, während gleichzeitig die Kamera zurückfährt und uns eine Totale von der Halle zeigt, dann ist die dafür verantwortliche Person vielleicht in einer deutschen Behörde besser aufgehoben. "2:30 ist wichtig und muss deshalb in den Schnelldurchlauf", egal, was da eigentlich passiert. Mir ist echt der Unterkiefer runtergeklappt, so entsetzt war ich.
(Und so, liebe Kinder, sieht ein wirklich guter 2:30-Moment aus, auch wenn er ein kleines bisschen früher kam!)
Der Knaller ist ja, dass es eine andere Stelle gab, die im Schnelldurchlauf viel sinnvoller gewesen wäre, nämlich die, als Sarah vom Podest in die Arme ihrer Tänzerinnen fällt. Warum hat man die nicht genommen? Auch wenn das nicht optimal rüberkam (zumindest bei mir nicht), wäre das um Lichtjahre besser gewesen als der Zoom in die Totale.
Nicht, dass mit der Inszenierung generell viel zu holen gewesen wäre. Ja, es ist weit mehr, als wir schon in vergangenen Jahren hatten (zumindest hatten wir überhaupt mal sowas wie eine Inszenierung), aber im Vergleich zu den anderen ist es leider immer noch bestenfalls drittklassig. Da ist alles schon mal dagewesen. Das Licht wechselt im ersten Refrain von schwarzweiß zu rot, die Wörter vom Text werden im Backdrop eingeblendet, und dann gibts noch Feuer (immerhin). Wenn ich das zB mit Rumänien oder Bulgarien vergleiche, wo jedes Lämpchen, jede Kameraeinstellung, jedes Wimpernzucken genau seinen Platz hatte, könnte ich in den Tisch beißen. Da waren Leute am Werk, die ihr Handwerk im Schlaf beherrschen und genau wissen, was sie tun. Nun gewinnt man allein durch Beherrschung des Handwerks natürlich nicht, aber wenn man da rumschlampert, wirds halt auch nix. Im deutschen Beitrag war alles irgendwie grundsolide, aber es hat keine Geschichte erzählt und war im Vergleich zu den anderen einfach viel zu wenig! Für grundsolide ruft niemand an!
Und das war in diesem Jahr mal wieder genau das Problem, es wurde bereits nach dem deutschen Vorentscheid überall geschrieben. Nichts davon stach wirklich raus. Nichts davon war so gut, dass es irgendwen dazu bewegen konnte, dafür abzustimmen. Wie oft wollen wir das denn noch durchexerzieren? Wir waren in den Jahren davor auf so einem guten Weg, aber hier wurde mal wieder eine tolle Künstlerin mit einem schwachen Beitrag einfach so verheizt. Ich hab es so satt. Hätte man Sarah einen wirklich guten Beitrag mit ebensolcher Inszenierung gegeben, dann hätte da echt was Tolles rauskommen können.
Lieber SWR, Ihr habt in Eurem ersten Jahr schon vieles besser gemacht als der NDR in den letzten Jahren. Aber es ist noch viel Luft nach oben. Ich zitiere dazu mal aus einem Kommentar, den ich vor einiger Zeit unter einen Beitrag auf ESC kompakt geschrieben habe:
"Mir ist es offengesagt wumpe, wer uns womit nächstes Jahr vertritt und wie der Beitrag ausgewählt wird. Was mir nicht wumpe ist: Wenn der Beitrag intern ausgewählt wird, dann soll er bitte im Jahr 2026 nicht nur irgendwie dabei, sondern wettbewerbsfähig sein! Er soll in seiner Sparte exzellent sein! Was nützt einem denn die tollste Künstlerin, wenn der Song das liedgewordene Äquivalent zu abgestandener Cola light ist und die Bühnenshow nicht so viel rausreißt, dass da noch was geht? Und wenn es eine Vorentscheidung gibt mit, sagen wir mal, zwölf Beiträgen, dann will ich, dass ALLE wettbewerbsfähig sind. Nicht nur die drei Superfinalisten. Oder einer. Oder gar keiner.
Es kann doch nicht sein, dass wir im deutschen Vorentscheid einen Bela haben, der noch nie auf einer größeren Bühne gestanden hat. Oder eine Malou Lovis, die uns allen Ernstes erzählt, man müsse nicht so ne riesen Performerin sein, sie glaube, sie könne auch mit ihrer Stimme und ihrer Persönlichkeit punkten. Von Dreamboys the Band hab ich noch gar nicht angefangen. Bestimmt alles nette Leute und tolle Künstler*innen, aber: Was zur Hölle machen die in einem Vorentscheid für die größte Musikshow der Welt? Und was macht dort ein Beitrag, der von einem an sich großartigen Künstler mal eben so lieblos runtergerotzt wurde, jedweder Substanz und Relevanz entbehrt und obendrein noch viel zu große Ähnlichkeit zum Vorjahresdritten hat? Herr Fischer, ich verehre Sie, aber sorry – ditte war nüscht.
Wenn ich einen Vorentscheid mache, dann muss JEDER EINZELNE VERDAMMTE BEITRAG wettbewerbsfähig sein, weil bei jedem die Möglichkeit besteht, dass er gewinnt. Und wenn Ihr das nicht hinbekommt, dann kassiert den Vorentscheid halt ein und legt den BEitrag intern fest. Aber achtet auf Exzellenz. Auf eine gewisse Bühnenerfahrung (auch dieses Jahr sind wieder einige beim ESC an ihrer Aufregung gescheitert!) – und wenn man so eine Lena findet, die keine hat, dann macht man gefälligst vorher mit ihr die Ochsentour, dass sie dann beim ESC die Bühnenerfahrung hat. Auf einen guten Song, der nicht der dreiundelfzigste Aufguss von irgendwas ist. Und auf ein Staging, dass Eurovisionlands Juroren und Zuschauern Ohren und Augen wegfliegen!"
Also, lieber SWR: Macht es, wie Ihr wollt, aber macht es ordentlich. Nein, nicht ordentlich, EXZELLENT. Und dann ist auch egal, wie es abschneidet.
Mehr wünschen wir uns doch gar nicht.
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