Samstag, 5. März 2022

DVE 2022: Viele Tiefen und ein Höhepunkt

Im Moment sind die Zeiten bekanntlich sehr schwierig und düster. Und so durfte man sehr gespannt sein, wie man denn in solchen Zeiten eine deutsche Vorentscheidung zum ESC gestaltet. Das ist sicherlich keine einfache Aufgabe gewesen. Ist sie denn unter den Umständen gut gelöst worden? Schauen wir mal.

Positiv ist sicher, dass die Show von der Sendung "Solidarität mit der Ukraine" (Name aus dem Gedächtnis zitiert, ich hab sie nicht gesehen) umrahmt wurde. Man hat das Thema nicht totgeschwiegen (was weder möglich noch angemessen gewesen wäre), sondern versucht, es so gut wie möglich irgendwie in die Show zu integrieren. Auch die vielen vielen Solidaritätsgesten von Künstlern und Publikum (die Masken!) sind mir sehr positiv aufgefallen.

Das war es aber leider auch schon fast mit den guten Eindrücken. Moderation und der größte Teil des Rahmenprogramms vermochten mich leider so gar nicht zu überzeugen - nein, auch das ins Medley eingebettete "Ein bisschen Frieden" nicht. Und wenn Gitte Haenning schon als Überraschungsgast auftritt, täte man gut daran, sie nicht im Vorspann zu erwähnen.

Breiten wir über das Drumherum lieber den Mantel des Schweigens - wobei wir den nachher nochmal kurz lupfen werden. Aber bevor wir das tun, ein Blick auf die Beiträge.

Ich hab es ja in meinem vorvorletzten Posting schon geschrieben, dass ich die Auswahl der Beiträge milde gesagt problematisch finde. Durchhörbarer Radiopop, zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Das heißt, man hatte als Zuschauer wirklich nur die Wahl zwischen lauter Optionen, die eigentlich keine waren.

Schauen wir sie uns an:

1. Malik Harris - Rockstars

Malik ist sympathisch, hat Stimme, Ausstrahlung und Bühnenpräsenz. Die Musik seines Songs erinnert mich SEHR an "Teenage Life" von Daz Sampson (UK 2006), In der ersten Minute des Songs bediente er drei verschiedene Instrumente. Kann man machen, muss man nicht. Trotzdem war das so weit okay und hat dann schlussendlich auch gewonnen. Ein Sieger mit dem ich gut leben kann. Bis Turin kann man an der Bühnenshow noch feilen, auch wenn Malik sagt, dass er das gar nicht kann ohne die Instrumente. Da müssen sie ihn noch ein bisschen aus seiner Komfortzone rausholen. Blamieren werden wir uns mit diesem Paket in Turin nicht, auch wenn ich nicht glaube, dass es im derzeitigen Zustand eine Chance auf die Top 20 hat. Aber daran kann man ja noch arbeiten.

Auf jeden Fall mal: Herzlichen Glückwunsch, lieber Malik!


2. Mael & Jonas - I Swear to God

Jede Menge sympathisches Koblenzer Chaos und zu meiner gigantischen Überraschung die eindeutigen Sieger des Radiovotings, dazu später noch mehr. Leider ist der Song zumindest in musikalischer Hinsicht nach einer Minute auserzählt, und deshalb haben sich die drei Minuten auch ziemlich in die Länge gezogen. Aber die beiden sind sympathisch, hatten Spaß auf der Bühne und haben keinen unangenehmen Eindruck hinterlassen. Mehr kann man nicht wollen. Schade, dass sie nicht mit dem Bulli auf die Bühne fahren durften. Aber ich vermute, das wäre in Turin auch nicht gegangen. Den Hinweis, dass auch Thomas Anders aus Koblenz stammt, hätte sich Babsi übrigens besser gespart.


3. Eros Atomus - Alive

Einen Song mit dem Text "it's great to be alive" zu singen ist im Moment sicherlich auch nicht ganz unproblematisch. Zum Glück hat Eros sein Einspielfilmchen gerettet, wo er erklärt hat, was ihn zu dem Song inspiriert hat. Er wirkte auch sehr sympathisch auf der Bühne, allerdings hatte ich insbesondere im Refrain das Gefühl, dass er mit angezogener Handbremse singt. War das die Abmischung oder war das die Tatsache, dass er wirklich nur 75% gegeben hat? Junge, bei so einem Event muss man Vollgas geben! 100%! 120%! 150 %!


4. Emily Roberts - Soap

Wo soll man da anfangen? An ihrem Kleid scheiden sich die Geister, an ihrem Liedchen auch, die Inszenierung mit den Tänzern in den Seifenblasen war zwar gut gemeint, verpuffte aber vollends. Im ersten Refrain verlor sie auf der Suche nach den Tönen die Orientierung, und in der zweiten Strophe war der Text weg. Das hab ich auch seit Steffi Hinz 1986 nicht mehr erlebt. Das sind so Momente, wo es einem auch als Zuschauer die Sprache verschlägt. Das darf nicht passieren, vor allem darf man nicht so damit umgehen. Als Krönung thematisiert sie diesen Aussetzer auch noch im Gespräch mit Babsi nach ihrem Auftritt. Leute, das ist hier kein Nachwuchswettbewerb, sondern die Ernennung des deutschen Vertreters für die größte Musikshow der Welt!

Liebe Emily, falls Du das hier lesen solltest, mal ein paar Ratschläge von jemandem, der fast 20 Jahre länger Musik macht, als Du überhaupt auf der Welt bist: Egal was Du auf der Bühne machst, mach es mit Überzeugung! Wenn Du schief singst, muss es so klingen, als ob das so sein soll! Wenn Du den Text der zweiten Strophe vergisst, sing die erste! Und vor allem: Thematisiere Deine Aussetzer um Gottes Willen nicht auch noch!


5. Felicia Lu - Anxiety

Meine Favoritin im Vorfeld, und sie bekam auch meine Stimme im Onlinevoting. Ja, sie wollte das unbedingt und ja, sie hatte den interessantesten Song im Wettbewerb. Der war auch gut inszeniert, aber dennoch leider nur der Einäugige unter den Blinden. Auch bei Felicia hätte ich mir gesanglich viel mehr Wumms und eine weniger hohe Quote von nicht genau getroffenen Tönen gewünscht. Wir fanden es das beste Gesamtpaket, waren aber nicht 100% überzeugt. Dass sie trotzdem nur Vierte geworden ist und im Televoting gar nur Fünfte, ist schon echt arg. Ich hoffe, sie kommt nochmal wieder, dann aber mit einem Killersong!


6. Nico Suave und Team Liebe - Hallo Welt

"Hallo Welt", ja sind wir denn ein Computer? Jeder, der mal programmiert hat, kennt diesen Satz, aber aus ganz anderen Zusammenhängen. Dieser Song war indes nichts für Nerds. Eher für Leute, die sich mal richtig schön fremdschämen wollen. Warum dieser Song überhaupt im Aufgebot gelandet ist - man weiß es nicht. Auf Deutsch, 30 Sekunden zu lang, benutzte Markennamen, und der Text "Hallo Welt, wie geht's dir, warum so down, warum gibst du negativen Vibes nur so viel Raum" wurde zwei Tage später passend zur aktuellen Situation umgeschrieben. Letzter Startplatz, einziger deutschsprachiger Song, Text passend zum Krieg hingeschnitzt - die Befürchtungen waren gigantisch, dass das am Ende noch durchmarschiert. Der Auftritt war dann auch einer der besseren, leider, oder vielmehr, glücklicherweise hat man vom Rapteil kaum was verstanden. Letztendlich ist der Kelch den Votern sei Dank an uns vorübergegangen.


Apropos Voting: 50% der Punkte wurden im Vorfeld beim Online-Voting ermittelt, 50% beim Televoting in der Sendung. Und das Online-Voting sah so aus:

Mael & Jonas: 8 x 12 Punkte, 1 x 10 Punkte

Malik Harris: 7 x 10 Punkte, 1 x 8 Punkte, 1 x 12 Punkte

Felicia Lu: 8 x 8 Punkte, 1 x 10 Punkte

Nico Suave und Team Liebe: 9 x 7 Punkte

Eros Atomus: 8 x 6 Punkte, 1 x 5 Punkte

Emily Roberts: 8 x 5 Punkte, 1 x 6 Punkte

Irgendwie war man sich da schon sehr sehr SEHR einig. Was davon zu halten ist? Ich weiß es nicht. Angeblich wurde ja immer nur eine Stimme pro Nase gezählt, aber irgendwie ist das Ergebnis doch schon leicht fischig. Darüber wird sicher noch zu reden sein.

Das Televoting hat es dann nochmal etwas auf den Kopf gestellt. Die Anrufe wurden ebenfalls in Punkte umgerechnet, und zwar entsprechend der Anteile aus 432 Punkten (in Summe waren es am Ende durch die erfolgten Rundungen 433 Punkte, aber who cares). 

Das führte letztendlich zu folgendem Gesamtklassemang:

1. Malik Harris 208 Punkte (90 vom Online-Voting + 118 vom Televote)

2. Mael & Jonas 185 Punkte (106 + 79)

3. Nico Suave und Team Liebe 155 Punkte (63 + 94)

4. Felicia Lu 139 Punkte (74 + 65)

5. Eros Atomus 123 Punkte (53 + 70)

6. Emily Roberts 53 Punkte (46 + 7).


Alles in allem war das ein Abend, wo mich sehr vieles enttäuscht hat und kaum was begeistern konnte. Insbesondere von den Teilnehmern selbst habe ich keinen gesehen, der derzeit international mithalten könnte.

Aber einen Auftritt gab es dann doch noch, der für ein bleibendes Momentum gesorgt hat. Jamala, ESC-Siegerin von 2016, sang nochmal ihren Siegerbeitrag und gab danach auch noch ein kurzes Interview. Ehrlich, ich hab "1944" nie besonders gemocht, aber vorhin bei ihrem Auftritt hab ich geheult. Das war einer der intensivsten und bewegendsten Auftritte, die ich je gesehen habe. Durch den Krieg hat das Lied nochmal eine furchtbare Aktualität bekommen. Jamala selbst ist erst vor ein paar Tagen aus Kiew mit ihren Kindern zu ihrer Schwester nach Istanbul geflohen. Ihren Mann musste sie in der Ukraine zurücklassen. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass es in der Ukraine bald wieder friedlich ist und sie nach Hause zurückkehren kann.

Hoffen wir das beste. Vielleicht sieht die Welt im Mai ja schon wieder besser aus.

1 Kommentar:

Lihaenschen hat gesagt…

Nur kurz... same here... 1944 ist und war nie meins. Aber das war so krass, das die Tränen nur so gelaufen sind.

Peace4Ukraine
Fuck Putin