Donnerstag, 28. Mai 2026

Der ESC 2026 in der Rückschau: Die Ausscheider des zweiten Semifinales

Machen wir weiter mit der Betrachtung des zweiten Semifinals: 


15. Aserbaidschan (2 Punkte (0 Punkte vom Televoting (Platz 15), 2 Punkte von der Jury (Platz 15)))

Ach, Aserbaidschan. Früher so ein Powerhouse, und dann war auf einmal ab 2014 komplett die Luft raus, keiner weiß warum. War das Ziel, alle Top 5 Plätze ein Mal zu belegen, und dann is Ruhe? Habt Ihr, was ich mir kaum vorstellen kann, keine Kohle mehr für anständiges Songwriting? Ich gebe ja zu, die Startnummer zwischen den beiden Knallern aus Bulgarien und Rumänien war mehr als undankbar, aber ehrlich gesagt: Ein schlechter Song scheint von keinem Startplatz aus. Und das hier war leider kein guter Song. Der Text fast schon unverschämt generisch - warum nicht alles auf Azeri? Das hätte dem Song garantiert geholfen. Auch die Melodei ist nicht neu. Das Kleid war ja ganz hübsch, aber sonst? Wenn man mich im Vorhinein gefragt hätte (was glücklicherweise keiner getan hat, ich hab doch auch keine Ahnung!), ob vier wehende Vorhänge, drei Tränen aus Blut (wotzefack?!) und ein Kerl, den man einmal einen Schubs gibt und der einem dann ein Wollknäuel von der Hand wickelt, als Stagingideen ausreichend sind, hätte ich nein gesagt. Nein haben auch alle anderen gesagt. Ich kenne niemanden, der das ernsthaft als Weiterkommer auf dem Zettel hatte (wenn doch, hab ich denjenigen übersehen, können aber nicht viele gewesen sein). Und womit? Mit Recht. Trotz allem: Bei null Punkten im Televoting sollte man sich vielleicht doch mal ein paar Gedanken machen. Mich dünkt, es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich diesen Satz geschrieben haben werde ...


14. Armenien (49 Punkte (TV: 19 (14.), J: 30 (12.)))

Tja, auch das dritte Kaukasusland ist sang- und klanglos abgeschmiert, und auch bei dem hab ich es jetzt nicht zwingend erwartet. Woran lag es? Vermutlich ist der Beitrag wirklich komplett Geschmackssache. Dazu kommt, dass die Radauschiene von vielen anderen Beiträgen in diesem Semi viel besser bedient wurde. Und: Wenn man das Video nicht kennt, erschließt sich dann wirklich der Kontext? Ja, sie waren im Aufzug, Simon hat dann im Verlaufe des Beitrags seine Post-it-Jacke ausgezogen, aber reicht das? Dazu kam das doch schon sehr simple und repetitive Liedchen (da hat echt Rosa Linn dran mitgeschrieben?!?) und eine gewisse Aggressivität. Und: Wenn man schon Dauergast in der Muskulaturbude ist, damit man an passender Stelle seine Jacke ausziehen kann - warum zieht man dann noch so ein durchsichtiges Teil drüber? Das wirkte einfach nur seltsam. Entweder nix oder was Ordentliches. Gegen nix hätte ich nix gehabt, gegen was Ordentliches auch nicht. Aber das da?! Liebe Armenier, das könnt Ihr definitiv besser!


13. Lettland (49 Punkte (TV: 21 (13.), J: 28 (13.)))

Um manche Beiträge tut es einem wirklich, wirklich leid, auch wenn man von vornherein weiß, dass sie es schwer haben werden. Das hier ist so einer. Atvara hat makellos gesungen, und das Lied ist jetzt auch nicht gerade Schund. Aber: Es ist auf Lettisch, und wenn man nicht weiß, worum es geht, hatte man durch die vergleichsweise zurückhaltende Inszenierung keine Chance, das zu verstehen. Dazu kam die Startnummer direkt vor Dänemark und Australien - da scheint man dann eher nicht, zumal, wenn man nur ein bisschen Schattenspiel und On-Screen-Effekte hat. Zurückhaltung war dieses Jahr nicht gefragt. Was allerdings die Jurys dazu bewogen hat, ihr weniger Punkte zu geben als der direkt davor startenden Zyprerin, wüsste ich schon gern mal. Aber ich muss ja nicht alles verstehen. Tu ich auch nicht. Ich hoffe, dass es jetzt für Lettland nach zwei brauchbaren Jahren nicht wieder zurück ins eurovisionäre Niemandsland geht - niemand hat mehr letzte Plätze in den Semis gesammelt. Und das ist keine Sammlung, die man jetzt unbedingt forführen muss.


12. Luxemburg (60 Punkte (TV: 34 (11.), J: 26 (14.)))

Verstehen tu ich allerdings den Rauswurf von Luxemburg.Der Song war zwar ganz süß, aber mehr so meh, die Sängerin besang in ziemlich heftigem Kaugummi-Englisch "Mother Nature", war dabei selbst ganz in Natur gewandet (ich weigere mich, das ein Kleid zu nennen), und gab uns wahlweise das Naturkind oder die Fiedelelfe. Nur mit dem Singen hat nicht so ganz geklappt, da ging doch einiges daneben. Und wo war eigentlich Mutter Natur? Ein Baum mit weißen Schmetterlingen drin, hier mal ein Wasserstrudel, da ein als Krüppelbaum getarnter Mikrofonständer - das wars. Mother Nature, she knows and because of that she went away? I am sorry, aber: Wenn ich schon Mutter Natur besinge, dann will ich das auch sehen - gerade in einem Jahrgang wie diesem, wo so ziemlich jeder nach dem Motto "mehr ist mehr" vorgegangen ist. Man braucht keine Props, man braucht auch keine (hier ohnehin nur spärlich vorhandene) On-Screen-Effekte, aber im Backdrop und auf dem Boden will ich dann die volle Dröhnung Natur sehen, und bei einem Song, der so positiv rüberkommt wie dieser hier, auch in allen Farben, die Mother Nature so zu bieten hat. So war die Bühne einfach leer, das Lied zu schwach, der Gesang auch, die Inszenierung viel zu farblos. Und auch wenn Eva das zauberhafteste Lächeln des Jahrgangs hat und ich ihr den Finaleinzug wirklich gegönnt hätte, war das leider viel, viel zu wenig.


11. Schweiz (108 Punkte (TV: 60 (9.), J: 48 (9.)))

Jedes Semi hat so seine Trauerfälle, aber manche sind besonders tragisch. Wenn man Neunter bei der Jury und Neunter beim Publikum wird und dann doch nicht weiterkommt, dann ist das einfach nur übel. Mir hat Veronica so leid getan, sie war nämlich wirklich, wirklich gut. Das Staging war zwar von vorne bis hinten misslungen, aber Veronicas Performance war der Hammer. Bei der Art und Weise, wie sie es rübergebracht hat, war einem sehr schnell klar, dass bei dieser Beziehung der erzählenden Person zu Alice irgendwas nicht stimmen kann, und man verspürt auch ein gewisses Unbehagen. Was sich nicht erschlossen hat: Wer denn diese erzählende Person eigentlich ist (Spoiler: Alice' Bräutigam). Die Schweiz ist mit diesem Song ein hohes Risiko eingegangen und hat beim Staging leider ziemlich viel falsch gemacht; statt den Song wirklich zu unterstützen, hat man sich gefragt, was denn die Seile im allgemeinen und dieser Klettergarten da im besonderen eigentlich sollte. Und das ist supersuperschade, denn die Schweiz hätte mit diesem Song und dieser Performance das Finale unbedingt verdient gehabt. Ich gehe mal davon aus, dass dieser Song künftig in sämtlichen "Wer-ist-euer-liebster-Semi-Ausscheider"-Listen sehr weit vorne landen wird.

(Apropos: Liebes ESC-kompakt-Team, ich weiß, einige von Euch lesen hier mit. Wie wärs für dieses Jahr mit den 40 besten Ausscheidern? Die letzten Jahre hatten wir ja die besten Partysongs und die besten Balladen; ich finde ja immer, Misserfolge beim ESC gehören auch gewürdigt, vor allem, wenn sie so unglücklich zustande kommen wie dieser hier!)

2 Kommentare:

Zwelfbungt - Lucas hat gesagt…

Egal, was man jetzt vom Ergebnis der Schweiz halten mag: Das Staging war nicht gut bzw. nicht effektiv. Ich hatte so das Gefühl, dass die unbedingt was für die Televoter machen wollten und es hat ja auch geklappt. Lustiges Detail: Der Auftritt wurde von Benke Rydman inszeniert, der auch für Bulgarien dieses Jahr im Einsatz war und dort einen meilenweit besseren Job ablieferte.

Zum Ergebnis nochmal: So sehr ich den Jury-Televote-Mix auch verteidige, so ist gerade das Abschneiden de Schweiz dieses Jahr einer der seltenen Fälle, wo ich mir an den Kopf greife. Verzweifelte Länder zwingt das ja nahezu dazu, genau eine der beiden Instanzen richtig hart zu bedienen, um nicht rauszufallen, da du selbst als Konsenskandidat da rausfliegen kannst. Um fair zu bleiben: Albanien und Tschechien hatten ja auch ordentliche Unterstützung von beiden Seiten und waren bei der Instanz, die sie rauswählte, ja auch nah an der Qualifikationslinie dran.

Zu der Jurywahrnehmung: Bei nicht gerade wenigen Fans kursiert die Theorie, dass mit dem neuen Set-up der Juroren (Erweiterung und Altersdiversität) nun wieder die Songs im Vordergrund stehen und nicht mehr die Stimmakrobatik. Dies könnte die wenigen Punkte an Lettland erklären oder auch, warum Australien im Finale beim Juryvoting punktemäßig hinter den Erwartungen blieb. Eine genaue Bestätigung habe ich dafür nicht und es braucht weitere Jahrgänge, um hier einen Trend erkennen zu können.

ESC1994 hat gesagt…

Schön dass es direkt weitergeht. :-)

Aserbaidschan: Glaube es gab keinen Song in den letzten Jahren bei dem das Ausscheiden so klar war wie bei "Just Go", und genauso kam auch die Performance rüber. Jiva hat es so dermaßen lustlos runtergesungen, dazu auch dieses weirde Styling mit den roten Tränen (Stylist gehört gefeuert) und diese Gardinen aus dem Euroshop. Da hat auch der größere Anteil an Aserbaidschanisch im Vergleich zur Studioversion nichts mehr retten können. Können sich bei der bulgarischen Jury für die zwei Gnadenpunkte bedanken.

Armenien: Tja, einfach nur Krawall und Remmidemmi reichen halt nicht aus. Musikalisch war das von Anfang an ziemlich dürftig, dass Simon auch nicht so sympathisch wirkte hat es nicht besser gemacht. Und wenn man schon auf Sex Sells setzen will muss man es so wie Parg letztes Jahr machen und nicht so ein komisches hautfarbenes Ding unter der Jacke anhaben. So war das weder Fisch noch Fleisch.

Lettland: Viele Fans sind über Atvaras Ausscheiden ja sehr bestürzt, ich persönlich gehöre nicht dazu. Für mich war das von Anfang an ein Wackelkandidat und je näher der ESC kam desto sicherer war ich mir dass es nicht fürs Finale reichen würde. Der Song ist einfach eine sehr schwer zugängliche Geschichte und die Inszenierung bei der man sie kaum gesehen hat vor lauter Dunkelheit hat nicht gerade geholfen dass man sich ihr nah fühlt. Glaube auch dass das Publikum an dem Abend auf so schwere Kost (das Thema des Songs wurde sicherlich von den Kommentatoren erwähnt) einfach keine Lust hatte. Dass sie hinter Zypern platziert war verstehe ich zwar auch nicht, aber im Endeffekt war die Stimmakrobatik zum Schluss wohl nicht genug um dafür Punkte zu verteilen.

Luxemburg: Ach ja, ich mag diesem Song immer noch gerne, aber auf der Bühne war das leider gar nix. Sehr schief stellenweise und diese komischen Bildeffekte haben nur abgelenkt. Generell wirkte das wohl für viele Fans zu sehr "inspiriert" von mehreren Acts aus der ESC-Vergangenheit. Aber immerhin bleibt uns das Großherzogtum auch nächstes Jahr erhalten, das ist doch schon mal was.

Schweiz: Dass es die Schweiz sowohl bei den Juroren als auch bei den Zuschauern knapp ins Finale geschafft hätte aber in der Endabrechnung nicht genug Punkte hatte hat mich schon überrascht. Für mich war das tatsächlich ein heißer Kandidat auf 0 Punkte im Televoting, aber scheinbar war die komische und überhaupt nicht zum Song passende Inszenierung für einige so bekloppt dass man dafür angerufen hat. Na ja, für Veronia tut es mir leid (fand sie als Mensch sehr sympathisch), aber das Lied selber finde ich immer noch öde und habe es im Finale auch nicht vermisst.