(keine Ahnung, ob das richtiges Latein ist, is aber egal. Ihr versteht mich.)
Der ESC 2026 ist Geschichte. Wie jedes Jahr hat er nicht nur Geschichte, sondern auch jede Menge Geschichten geschrieben, die wir uns im Laufe der nächsten Tage anschauen werden. Aber bevor wir das tun, sollten wir vielleicht mal einen Blick aufs große Ganze werfen.
Als ich am Samstagnachmittag meinen Tipp fürs ESC-kompakt-Gewinnspiel abgegeben habe, lag ich durch meinen miesen Semitipp bereits hoffnungslos hinten. Also dachte ich mir, weißte was, is egal, kannste genauso gut auch mal ein bisschen auf den Putz hauen und was Riskantes tippen. Sowas wie einen Televotingsieger Bulgarien zum Beispiel. Gott, bin ich mir verwegen vorgekommen. Zu diesem Zeitpunkt (wohlgemerkt, nur wenige Stunden vor Beginn der Finalshow) lag Bulgarien bei den Bookies noch auf Platz 5, Tendenz zwar steigend, aber bei der Siegerwette im Grunde völlig abgeschlagen mit 8%. Später im Laufe des Tages würde es sich noch auf Platz 3 hocharbeiten, aber mit Müh und Not eine zweistellige Siegeswahrscheinlichkeit erreichen. Keine Chance, Finnland an der Spitze (43%) und Australien als ersten Verfolger (21%) noch einzuholen. Etwa zehn Stunden später beklatschten und bejubelten (oh ja!) wir einen der überraschendsten und deutlichsten Sieger aller Zeiten.
Es ist natürlich grandios, dass einen der ESC auch im Jahre 2026, wo man ja alle Auftritte vorher kennt (nämlich spätestens aus den Semis), noch so sehr überraschen kann. Fragt sich aber: Wie kommt es denn, dass sowohl die Bubble als auch die Bookies in Sachen Bulgarien dermaßen gepennt haben? Nicht, dass das jetzt ein Problem wäre, au contraire, aber es lohnt sich vielleicht doch, an dieser Stelle ein bisschen Ursachenforschung zu betreiben. Und ja, natürlich hab ich eine Theorie, und die will ich Euch nicht vorenthalten.
Bis zum Schluss ist das Potenzial von Bangaranga dramatisch unterschätzt worden. Bei besagtem Gewinnspiel gab es bei 880 Tippern ganze 8, die den Sieg Bulgariens vorhergesehen haben. Den Jurysieg haben genau so viele Tipper vorhergesagt, wie Dschörmenie Televoting-Punkte bekommen hat. Beim Televoting waren es immerhin 35, including yours truly. Dabei waren die Anzeichen augenfällig, wir hätten nur hinschauen müssen. Sixtus und Sigi waren in der Halle bei der Family-Show am Samstagnachmittag, und ersterer meinte, Bulgarien und Moldau hätten die Halle abgerissen. Bei der Flagparade wurde mit Ausnahme von Österreich niemand so bejubelt wie Dara (ich lass die Versalien ab sofort bei allen weg, da müssen alle Acts jetzt durch). Und wenn man sich mal den Songcheck auf ESC kompakt sowie das entsprechende Reaction Video anschaut, dann fällt eine Sache auf: Je jünger die songcheckende Person, desto eher reagiert ersiees positiv auf Bangaranga. Je älter die songcheckende Person, desto wahrscheinlicher wendet sie sich ab mit Befremden. Von Berenike (die vermutlich bedeutend jünger ist als ich) kam sogar sowas wie "ich glaub, ich bin zu alt für den Song". Ausnahme von dieser Regel sind Alexandra Wolfslast und natürlich der ewig junge Peter. Ich selbst halte mich übrigens auch für zu alt für den Song. Irgendwo hab ich auch was von "Song für die Generation TikTok" gelesen.
Und, Leute, GENAU DAS isses. 2026 markiert aus meiner Sicht eine Zäsur in der ESC Geschichte. Wir haben letzten Samstag live und in Farbe den Vollzug eines Generationenwechsels beim ESC erlebt, der sich schon länger abgezeichnet hat. Bangaranga ist genau das: Ein Song für die junge Generation. Das müssen wir alten Bubble-Säcke und Säckinnen jetzt mit Fassung tragen. Viele von uns sind langjährige ESC-Fans (ich bin Fan seit Lena. Valaitis, that is), und wir sind mit dem ESC alt geworden oder zumindest älter. Nun ist ein ESC von heute mit einem von 1981 nicht mehr im Geringsten zu vergleichen. Und das ist auch gut so. Die Welt ändert sich, die Musik ändert sich, die Art, wie Musik konsumiert wird, ändert sich, und da soll ausgerechnet beim ESC alles beim Alten bleiben? Come on!
Natürlich geht da nicht jede*r mit. Unsere einzige erste deutsche Siegerin gab vor dem ESC diverse Interviews zum Thema, zum Beispiel hier. Jährlich grüßt das Murmeltier. Mehr Frieden, weniger Rumstänkern fänd ich gar nicht mal so verkehrt. Am meisten hat mich aber folgende Aussage befremdet: "Wenn heute eine 17-jährige Nicole mit weißer Gitarre und diesem Lied in Wien auftreten würde, wage ich zu behaupten, dass es wieder gewinnen würde. Das würde so aus dem ganzen lauten, schrillen Glamour herausfallen. Während sich bei den anderen die Bühnen hoch und runter bewegen und im Hintergrund LED-Wände mit animierten Männchen zu sehen sind, würde man da die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf das Wesentliche lenken: Es geht um ein Lied, das das Herz berührt. Dieses Gefühl habe ich schon ganz viele Jahre nicht mehr." Dazu kann ich nur sagen: Arcade beispielsweise hat mein Herz sogar sehr berührt, und (Stand jetzt gerade) 1.551.710.018 Streams auf Spotify sprechen jetzt nicht gerade dafür, dass ich da die Einzige bin. Und so Leute wie Salvador Sobral, Michael Schulte, Nemo oder JJ haben ebenfalls viele, viele Herzen berührt (wenn auch nicht unbedingt meins, aber das ist eine andere Geschichte und soll hier nicht weiter vertieft werden). Diese "Früher war alles besser"-Nummer bringt uns nicht weiter, und vor allem bringt sie den ESC nicht weiter. Dazu dann bei der Besprechung von Platz 23 mehr.
Wobei ein Punkt trotzdem festzuhalten bleibt, der mir persönlich tatsächlich auch missfällt: Wenn über die Hälfte der Finalteilnehmer*innen vor dem Auftritt erstmal einen Zwischenstopp bei Blau-Gelb-Möbelhaus (im Obergeschoss, nicht bei den Duftkerzen) macht, um sich entsprechendes Bühnenequipment zu kaufen und dafür zu sorgen, dass die Auf- und Abbauenden ordentlich Muckies inne Oberarme kriegen, dann ist das eine Entwicklung, die gern wieder ein wenig zurückgehen kann. Ich kann damit leben, dass der Trend immer mehr dazu geht, eine Geschichte auf der Bühne zu erzählen, oder, wie es auch schon hieß, einen Videoclip nachzustellen. Aber geht es vielleicht mit etwas weniger sperrigen Requisiten? Das ist etwas, das mich in diesem Jahr ziemlich gestört hat, weil die Umbaupausen viel zu oft nicht geklappt haben. Statt eines Beitrags sehen wir erst mal Publikum, weil man warten muss. Ich habe gerade ein Video angeschaut, wo gezeigt wird, was eigentlich während der Postcards so passiert. Da wird wirklich Schwerstarbeit geleistet! Für den Flow der Show ist das viele Auf- und Abgebaue nicht unbedingt super. Falls sich dieser Trend verfestigt, sollte man darüber nachdenken, die Postcards um 15 Sekunden zu verlängern. Wenn ich das richtig gesehen habe, waren Belgien, Schweden und Albanien die einzigen (!) Beiträge im Finale, wo überhaupt nix auf- oder abgebaut wurde. Bei der Ukraine fielen ja noch Stoffbahnen runter. Hier sollte auf jeden Fall noch ein bisschen nachjustiert werden, damit die Show wieder etwas flüssiger läuft und weniger überbrückt werden muss. Von mir aus aber künftig gern auch ohne diese Möbelschau.
Möbel hin, Möbel her: Bangaranga jedenfalls, so viel lässt sich nach einer Woche schon mal sagen, funktioniert offensichtlich auch rein als Song. Der ESC-Sieger von 2026 stürmt nämlich gerade europaweit die Charts, auch in Deutschland steht der Song gerade auf Platz 1. Das hat seit Euphoria kein ESC-Sieger mehr geschafft - wenn ich das gerade beim Durchgucken richtig gesehen habe, sogar überhaupt kein ESC-Song!
Und, ist das was Gutes? Aber sowas von! Ich wiederhole mich da oft und gerne: Der ESC braucht Hits, um überleben zu können. Und der ESC darf sich nicht auswachsen, das heißt, es müssen jüngere Menschen nachkommen, die sich für den Wettbewerb begeistern. Dass es nun mit solch einem Bang(arang)er geklappt hat, der vermutlich vor allem dank der jungen Generation durch die Decke geschossen ist und immer weiter schießt, ist die beste Nachricht, die man sich im Zusammenhang mit diesem ESC vorstellen kann!
Und wir alten Hasen? Sollten das mit Fassung tragen. Freuen wir uns, dass es einen Sieger gibt, der nicht nur beim Televoting UND bei der Jury ganz vorne lag, sondern auch Alexander Rybaks Rekord "größter Abstand zum Zweitplatzierten" einkassiert hat. Überzeugender kann man doch gar nicht sein! Auch wenn Bangaranga wirklich überhaupt nicht mein Song ist (aber so richtig war das keiner der 35 Songs), freue ich mich riesig für Bulgarien und darüber, dass das Ding dermaßen einschlägt. So wollen wir das, so muss das, so tut das dem ESC gut! Und wenn das vor allem die Jüngeren fasziniert, ist es noch dreimal besser!
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