Donnerstag, 7. Mai 2026

Warum ich Sarah Engels ganz fest die Daumen drücke (und warum wir das alle tun sollten!)

Angesichts dieser Überschrift wird sich der eine oder die andere von Euch wahrscheinlich verwundert die Augen reiben. Häää? Wieso soll ich der die Daumen drücken? Ich find den Song meh! Und Frau Fabian findet den Song doch auch meh! Frau Fabian wollte doch wavvyboi! Also wieso? Nur weil das der deutsche Beitrag ist? Und vorschreiben lass ich mir sowieso nix!!!!!11!111einself!!

Erklär ich Euch.

Für den Hardcore-ESC-Fan ist ja diese Zeit nicht nur die Zeit großer (Vor-)Freude, sondern unmittelbar vor und nach dem ESC auch die Zeit des großen Augenrollens. Wir kennen es doch alle: Man muss sich immer wieder dafür rechtfertigen, dass man diese Veranstaltung nicht nur schaut, sondern von ganzem Herzen liebt, und immer wieder muss man versuchen, falsche Wahrnehmungen zurechtzurücken. Das fängt bei "ist Deutschland mal wieder verdient Letzter geworden" an und hört bei "Ist doch eh alles Trash und die Wertung ist nur reine Politik" noch lange nicht auf. Es ist unglaublich ermüdend, sich das jedes Jahr aufs Neue wieder anzutun. Womöglich noch ermüdender ist vor und nach dem Event der Blick in die deutsche Presse.

Wer auf ESC kompakt unterwegs ist, hat sicher vor ein paar Tagen auch Douze Points Kommentar zu einem ESC-Artikel aus der Rheinischen Post gelesen. Es ist ja nun nix Ungewöhnliches, dass hierzulande nach Kräften auf dem ESC rumgehackt wird, bringt Klicks, geht leicht und man kann sich sicher sein, vielen Leuten nach dem Mund zu reden. Differenzierte Auseinandersetzung ist normalerweise (nicht immer!!) Fehlanzeige, vermutlich haben die Schreiberlinge [sic!] weder Zeit noch Lust, sich mit ihrem Sujet mal wirklich auseinanderzusetzen. Der Fairness halber muss man sagen, dass einem das in Deutschland auch verhältnismäßig schwer gemacht wird, speziell in diesem Jahr. Die deutschen Vorentscheidungen bieten in der Regel eher unterwältigende Beiträge, von denen ein großer Teil schlicht und einfach international nicht wettbewerbsfähig ist. Und dazu kommt noch, dass 2026 aus meiner Sicht generell ein eher schwacher Jahrgang ist.

Auch unser deutscher Song in diesem Jahr reiht sich da leider ein, "Fire" erfindet das Rad nicht neu, ist sozusagen songgewordene Nummer Sicher. Warum soll man dann trotzdem die Daumen halten? Zwei Worte als Antwort: Sarah Engels.

Sarah kann was. Sie kann singen, sie sieht toll aus, sie kann sich bewegen, sie hat eine Bombenausstrahlung und zumindest ich persönlich finde sie supersympathisch. Alles mal mindestens keine Nachteile. Sie will das hier unbedingt und hängt sich in das Projekt ESC voll rein. Sie setzt sich damit auseinander, sie ist selbstkritisch, offen für Kritik von außen, arbeitet an sich und ihrem Auftritt und tut, soweit ich weiß, alles dafür, aus ihrem Auftritt das Maximum rauszuholen. Sie geht mit unglaublich viel Energie und Freude in den ESC. Dass das alles vor allem in dieser Kombination nicht selbstverständlich ist, hatten wir in den vergangenen Jahren weiß Gott oft genug. Allein dafür gebührt ihr Dank.

Dazu kommt: Sie ist in Deutschland kein No-Name, vermutlich der bekannteste Act seit Cascada. Ja, ich weiß, sie kam aus einer Castingshow, ja, der Boulevard berichtet gern mal über sie, aber ganz blöde Frage: Wieso ist das ein Nachteil? Glaubt Ihr, das ist bei den ganzen schwedischen Mello-Acts so viel anders? Was sie mitbringt, ist ohne Ende Bühnen- und Fernseherfahrung, bei ihr muss man keine Angst haben, dass sie die Töne nicht trifft oder dass ihr am Ende die Puste ausgeht (hallo Jendrik!). Sie weiß ganz genau, was sie kann und was nicht und setzt das auch gezielt ein. Auch das ist mit Sicherheit kein Nachteil. Ich traue ihr zu, dass sie aus dieser Performance wirklich alles rausholt und über den leider wirklich nur mediokren Song hinaus daraus was Gutes macht. Paradebeispiel für einen solchen Vorgang ist für mich immer noch "Show me your love" (Ukraine 2006), was rein vom Song her eigentlich kein Song, sondern Arbeitsverweigerung war. Man hat es aber geschafft, durch ein cleveres Staging und vor allem durch Tina Karol selbst das Ganze auf Platz 7 zu hieven. 

Man kann diese Bekanntheit ja auch an Sarahs Followerzahl von 1,8 Mio auf Insta sehen - weitaus mehr als jeder andere Act dieses Jahr und mehr als doppelt so viele wie der zweitplatzierte Boy George (!). Und auf dieser großen Reichweite teilt sie alles über das Projekt ESC, ihre Freude daran, wie sehr sie gerade dafür brennt und was das für ein tolles Event ist. 

Leute, das ist doch das Beste, was uns deutschen ESC-Fans passieren kann! Vielleicht schafft Sarah es ja wirklich, mit ihrer Begeisterung und einer ordentlichen Platzierung (damit meine ich Top 15, was ich angesichts der Konkurrenz nach wie vor für absolut realistisch halte) da ein Umdenken in Gang zu bringen:

- dass sich bei den Deutschen in den Kopf setzt, dass das nicht nur ein Trashevent ist (was es in Teilen zugegebenermaßen ist, aber eben nicht nur!), sondern was viel Größeres,

- dass sich ein Großteil der deutschen Presse nicht immer benimmt, als sei das Berichten über den Wettbewerb eine lästige Pflichterfüllung, sondern etwas, worüber sich lohnt zu berichten 

- und vor allem: Dass der Wettbewerb auch zunehmend wieder größere Namen anzieht und nicht nur Nischenbekanntheiten. Und dass der federführende Sender diese größeren Namen dann auch in den Vorentscheid lässt. Gerne auch mit mehreren Vorrunden. Dass diese größeren Namen auch sehen, dass man mit einer ordentlich geplanten Teilnahme am Wettbewerb und einem guten Song nicht verliert, sondern immer gewinnt, egal wie man abschneidet. Wievielte wurde Rosa Linn noch gleich? Finanziell geschadet hat ihr das auf keinen Fall! Allerdings muss man es ernst nehmen. Irgendwelchen Daddelkram da hinschicken, die Performance nicht durchdenken und dann hoffen, dass man ernstgenommen wird, wird nach wie vor nicht funktionieren. Aber das hat man ja selbst in der Hand.

Die Chance, dass dieses Umdenken einsetzen könnte, ist in diesem Jahr so groß wie selten zuvor. Und alleine aus diesem Grund werde ich Sarah die Daumen noch ein bisschen fester drücken.

Liebe Sarah, genieße Deine Zeit in Wien, hoffentlich auch mit schnell wieder aufgetauchtem Koffer! Mach was tolles draus! Hab auf jeden Fall heute eine supertolle erste Probe! Amaze us und bleib so offen und dem ESC zugewandt, wie Du die ganze Zeit schon warst! Danke für Deine Begeisterung!

3 Kommentare:

Jens hat gesagt…

Danke für den Post. Ich trauere auch wavvyboi hinterher, drücke Sarah aber beide Daumen.

Anonym hat gesagt…

Das hast du sehr schön geschrieben liebe Tamara. Viele Grüße von Rike

Sixtus hat gesagt…

Sarah habe ich immer nur am Rande wahrgenommen.
Selbstverständlich weiß ich um ihre gesanglichen Qualitäten, aber durch die minderwertigen Formate, durch die sie tingelte, nahm ich sie gerade ein bisserl besser wahr als Pietro L..
Nun hört man sie aber in Interviews, deutsch und englisch, eloquent, witzig, gescheit.
Meine Güte, bitte, Sarah, vergib mir. Du bist großartig!