Montag, 12. April 2021

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 9

 Nun noch die gesetzten Finalisten (bis auf einen, der kriegt eine Sonderbehandlung, die hat er sich redlich verdient):


Spanien: Blas Cantó – Voy a quedarme

Uku, tut mir leid, du bist wohl doch nur der zweitschönste Mann in diesem Jahrgang. Blas hat immer noch den schärfsten Schlafzimmerblick des Jahrgangs. So scharf, dass ich ihn gerne mal den finnischen Beitrag singen lassen möchte. Aber natürlich hat der Herr, wie sich das gehört, eine Ballade am Start, die sich schön anhört und mir zum linken Ohr rein und zum rechten wieder raus geht. Man soll ja Leute nicht auf ihre Optik reduzieren, aber manchmal bleibt einem nichts anderes übrig.

Chancen auf die Top Ten: Er kann froh sein, wenn er die Top 20 knackt.

Madrid 2022: Nein.

6/10


Frankreich: Barbara Pravi – Voilà

Oooooh eine Chanson francaise! Je suis enchantée! Das ist so eine Sorte Lied, wie sie nur aus Frankreich stammen kann. Die Bubble ist offensichtlich auch entzückt, und die Bookies führen Frankreich derzeit auf Platz 2 bei der Wette für den Sieg! Das erscheint mir dann allerdings doch zu gewagt, bedenkt man, dass die großartige Patricia Kaas mit dem möglicherweise besten Auftritt der Eurovisionsgeschichte auf einem indiskutablen achten Platz verhungerte. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Barbara hat jedenfalls genügend Stimme und Charisma, um das Ganze zu stemmen –  ich bin schon sehr gespannt auf den Auftritt!

Chancen auf die Top Ten: Na, ich hoffe doch!

Paris 2022: Auch wenn die Quote dafür derzeit recht gut steht: So recht mag ich das nicht glauben.

7/10


Italien: Måneskin – Zitti e buoni

Radau aus Italien! Geiler Radau! Womit hab ich so viel Gutes an einem Abend verdient? Das fischt im gleichen Gewässer wie die Finnen, kommt aber fast noch besser: Erstens ist es etwas melodischer, und zweitens hört Italienisch sich einfach geil an. Den optischen Eindruck mag ich jetzt nicht ganz so, aber gut – den von Wig Wam damals mochte ich auch nicht, das hat meiner Liebe zu dem Beitrag keinen Abbruch getan. Also alles cool.

Chancen auf die Top Ten: Es ist Italien. Allerdings werden sie es dieses Jahr schwerer haben als sonst.

Rom 2022: Nein.

8/10


Großbritannien: James Newman – Embers

Hm. So ganz schlüssig bin ich mir noch nicht, was ich davon halten soll. Man hat sich ja in den letzten Jahren angewöhnt, von den Briten beim ESC grundsätzlich nur noch Kandidaten für den letzten Platz zu erwarten, aber so schlecht finde ich das jetzt gar nicht. Ich mag James’s Ausstrahlung und seine etwas rauhe Stimme, er hat schon irgendwie was Eigenes. Der Song ist kein großer Wurf, tut aber auch nicht weh und macht aber gute Laune. Ich hab doch auch keine Ahnung. Es wäre sicher nicht verkehrt, wenn die positive Stimmung aus dem Video mit den Tänzern und den Musikern auch auf die Bühne transportiert werden würde.

Chancen auf die Top Ten: Keine, sorry. Aber vielleicht werden sie ja dieses Mal nicht letzter.

London 2022: No way.

6/10


Niederlande: Jeangu Macrooy – Birth of a new Age

Und nun, meine Damen und Herren: Unsere Gastgeber. »Grow« war ja neben »Solovey« im letzten Jahr mein absoluter Lieblingsbeitrag. Die selbstgelegte Latte für Jeangu Macrooy lag also hoch. »Birth of a new Age« kommt nicht ganz ran, gefällt mir aber auch sehr, sehr gut. Genau wie »Grow« ist auch das ein typischer Heimbeitrag, sprich, hier wird einfach was riskiert, und die Chancen im Wettbewerb sind vollkommen egal, denn man hat ja gerade erst gewonnen. Der Song ist wieder sehr gospellastig und soll Mut machen, hier finden sich Textzeilen wie »your rhythm is rebellion« und »you no man broko mi« (du brichst mich nicht). Und mal ehrlich: Mutmachlieder können wir im Moment alle gut gebrauchen, oder? Nicht nur deshalb mag ich das.

Chancen auf die Top Ten: In den letzten drei Jahren war es für die Heimbeiträge eher schwierig damit. Wird es leider auch für diesen.

Utrecht 2022: Nee.

7/10

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 8

 13. Bulgarien: VICTORIA – Growing Up Is Getting Old

Irgendwie passiert es in letzter Zeit regelmäßig, dass immer ein Beitrag dabei ist, wo es mich beim Hören plötzlich völlig unerwartet verreißt. Hier ist der diesjährige. (Und es bleibt dann bitte auch bei dem einen, ja? Danke!). Ich habe keine Ahnung, warum das hier mir dermaßen ans Herz geht. Vielleicht, weil Älterwerden einfach eine Bitch ist. Ach, ich weiß es doch auch nicht. Jedenfalls ist das hier supergut, Stimme und Ausstrahlung Hammer, darf gerne weit nach vorne.

Chancen aufs Finale: Ja sicher.

Sofia 2022: Möglicherweise.

9/10


14. Finnland: Blind Channel – Dark Side

Dreizehn Jahre lang hab ich gebittelt und gebettelt, dass die Finnen endlich mal wieder qualifizierten Radau schicken, und ENDLICH hats geklappt! Die Startposition hinter Bulgarien könnte besser nicht sein, das kommt supergut und geht ab wie ein Zäpfchen. Auch textlich passt es wie Faust auf Auge: Singt Victoria davon, dass erwachsen werden alt werden bedeutet, singen Blind Channel davon, dass sie nicht erwachsen werden wollen, ausgestreckte Mittelfinger und Verherrlichung des Club27 inklusive. Also, wir halten fest: Älterwerden ist Mist. Der Song an sich hätte gern in den Strophen noch ein wenig melodischer sein dürfen, aber ansonsten passt das!

Chancen aufs Finale: Ja sicher!

Helsinki 2022: Dazu müssten sie an Maske und Outfit noch was machen.

8/10


15. Lettland: Samanta Tīna – The Moon Is Rising

»Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar ...« Schulligung. Aber wenn ich die Wahl hätte zwischen diesem Lied und dem, was ich hier und jetzt gerade rezensieren muss, wüsste ich aber, wofür ich mich entscheide. Ich fand den lettischen Beitrag im letzten Jahr schon gruselig, aber dieses Jahr ist es noch schlimmer. Da gibt es dieses »öh-öh-öh-öh« im Hintergrund, das macht mich wahnsinnig. Auch sonst ist es einfach nur scheußlich. »The Queeeeen of the night is cooooming.« Tja. Der Hölle Rache kocht in ihrem Herzen, sonst würde sie uns ja diese Ohrenfolter nicht zumuten. Kann ich auch was Positives sagen? Hm. Nö.

Chancen aufs Finale: In einer gerechten Welt nicht, aber was ist schon gerecht?

Riga 2022: Nein!

0/10


16. Schweiz: Gjon’s Tears – Tout l’univers

Wenn es irgendjemanden in diesem Wettbewerbsfeld gibt, der den Schmerz schon im Namen trägt und daher auch für schmerzhafte Lieder prädestiniert ist, ist es sicherlich Gjon. Und auch in diesem Jahr trägt er wieder die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern, zumindest scheint es so. Vom Text verstehe ich leider nicht allzu viel, mein Französisch ist ziemlich eingerostet. Wenn das irgendjemand glaubhaft transportieren kann, dann er. Dazu kommt dann noch diese fantastische Stimme. Zum dritten Mal in Folge ein Siegeskandidat aus der Schweiz – was will man mehr?

Chancen aufs Finale: Gegenfrage: Gewinnt er das Semi?

Zürich 2022: Möglicherweise.

8/10


17. Dänemark: Fyr & Flamme – Øve os på hinanden

Zum Schluss hat es mich dann tatsächlich noch ein zweites Mal zerlegt, dieses Mal aber vor Lachen. Nachdem die Dänen in den letzten drei Jahren akzeptable bis gute Beiträge geschickt haben bzw schicken wollten, haben sie für dieses Jahr beschlossen, endlich mal wieder so richtig ins Klo zu greifen. Hier wurde ein gezielter Angriff auf Europas Geschmacksnerven gestartet und ganz bewusst alles falsch gemacht, was nur geht. Der Song war zu einer Zeit modern, da waren die meisten von uns noch nicht mal geboren. Die Sänger halten sich für Misters Obercool, sind aber nur peinlich, vor allem der ohne die Gitarre. Und dann fängt der auch noch an zu tanzen! This is fucking hilarious und ein krönender Abschluss des zweiten Semis.

Chancen aufs Finale: Natürlich keine!

Kopenhagen 2022: Was?!

5/10 (this has Guilty Pleasure written all over und ich weiß jetzt schon, dass es Zeiten geben wird, wo ich das in Endlosschleife hören werde)


Dann schauen wir doch mal, wer in diesem Semi ins Finale kommt:


San Marino

Griechenland

Österreich

Moldawien

Island

Serbien

Albanien

Bulgarien

Finnland

Schweiz


Hier fand ich es schwerer, zehn zu finden. Serbien und Albanien sind als Wackelkandidaten gerade noch mit reingerutscht. So eine ungleiche Semiverteilung hatten wir doch schon mal in 2018.

Nun gut. Kommt eh alles ganz anders. 

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 7

9. Serbien: Hurricane – Loco Loco

Verglichen mit dem Vorjahresbeitrag kommt das hier nicht ganz so billig daher, aber immer noch trashiger als alles, was jemals vorher aus Serbien kam (ja, die beiden Barbara-Dex-Award-Preisträger ausdrücklich eingeschlossen!). Und man merkt, dass immer noch Corona ist. Kinder, Dauerwellenflüssigkeit selber auf Haare auftragen kann ganz ganz böse ausgehen, dat sarrich euch! Also lieber den Fachmann machen lassen! Auch sonst ist das Ganze ein visueller Overkill. Der Song nimmt sich nicht viel mit dem Vorjahresbeitrag, sprich, man kann ihn sich anhören, aber wenn man an die Qualität so ziemlich aller anderen serbischen Beiträge denkt, muss man leider ziemlich weinen.

Chancen aufs Finale: Wird möglicherweise Platz 11 im Semi. Alles lassen sich die Leute auch nicht bieten.

Belgrad 2022: Dort wird dann hoffentlich wieder Qualität ausgewählt. Ihr könnt es doch!

2/10


10. Georgien: Tornike Kipiani – You

Alle Jubeljahre wieder kriegt die Wundertüte vom Kaukasus ihre speziellen drei Minuten. Dann haut sie was raus, wo du denkst: »Boah, ist das toll. Aber was macht das beim Contest?« Dieses Jahr ist es nach 2014, 2016 und 2018 mal wieder so weit. Das hier dürfte der Song in diesem Jahr sein, der am allerwenigsten ins Wettbewerbsumfeld passt. Der Anfang klingt ein bisschen wie etwas, was von Henk Hofstede geschrieben worden sein könnte, und das ist ja mindestens mal ein Qualitätsmerkmal. Gegen Ende wird es dann etwas bombastischer, aber es bleibt spannend. Auch rhythmisch ist es ein wenig ungewohnt, es folgt nicht so ganz unseren Hörgewohnheiten. Nicht nur deshalb werden es die Zuschauer abstrafen. Und das ist eine Schande.

Chancen aufs Finale: Keine. Wird nach hinten durchgereicht werden.

Tbilisi 2022: Nein. Aber ich hoffe, dass sie nicht aufhören, weiterhin mutige Sachen zu schicken!

8/10


11. Albanien: Anxhela Peristeri – Karma

Fangen wir mal mit dem Positiven an: Sie singt in Landessprache. Und nach derzeitigem Stand wird das auch so bleiben. Ansonsten same procedure as almost every year, will sagen, schöne stimmgewaltige Frau singt sich durch sperrigen Song. Und dieser ist noch sperriger als »Ktheju tokes«. Sehr viel Balkan-Sound, sehr viel Aufwand nötig, um sich das schönzuhören. So weit bin ich noch nicht. Gebt mir bitte meinen Eugent Bushpepa wieder! Bitte bitte bitte!

Chancen aufs Finale: Grenzwertig, aber könnte klappen.

Tirana 2022: Nein.

3/10


12. Portugal: The Black Mamba – Love Is on My Side

»Love is on my side but maybe not tonight.« Ich krieg ja immer ein bisschen Fremdschamattacken, wenn ich solch selbstreferentielle Textzeilen anhören muss. Herrgott nochmal, Portugal, seid Ihr eigentlich noch bei Trost? Wenn Ihr zum ersten Mal in Eurer Geschichte einen Song komplett auf Englisch schickt, schickt Ihr SOWAS? Aus welchem Jahrhundert stammt das bitte? Warum klingt der Sänger wie ein Frosch mit verklebten Nasenlöchern? Wer hat dem das Singen beigebracht? Mit welcher Gesangstechnik? Wann verklagt der seinen Gesangslehrer? Warum grimassiert der so? Love is definitiv not on your side tonight. Beliff mi. Boah, das macht mich grad voll aggro!

Chancen aufs Finale: KEINE!

Lissabon 2022: Egal was, aber bitte wieder portugiesisch.

2/10

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 6

5. Österreich: Vincent Bueno – Amen

Von den beiden Amens in diesem Jahrgang ohne Frage das weitaus bessere, allerdings bin ich etwas unschlüssig, was die Chancen angeht. Es geht um eine gescheiterte Beziehung und (zumindest im Video) die Befreiung aus den Fesseln derselben, wobei sich sehr ruhige und sehr dramatische Passagen abwechseln. Ich finde diesen Song ja absolut großartig, aber das ist sicher nicht ganz einfach auf die Bühne zu bringen. Der Fokus muss hier voll auf Vincent liegen, und er muss einhundertfünfzig Prozent geben. Die Emotionen hier transportieren, ohne zu übertreiben, das ist nicht ganz einfach. Aber ich traue es ihm zu.

Chancen aufs Finale: Chancen ja, aber sicher durch sehe ich ihn noch nicht.

Wien 2022: Nein.

8/10


6. Polen: RAFAŁ – The Ride

Ach. Du. SCHEI**E! Was ist DAS denn? Wir sehen einen in die Jahre gekommenen (ich darf das schreiben, ich bin älter als der!) Typen mit Sonnenbrille, der gerne mal auf cool machen will, aber nur peinlich ist und obendrein zehnmal unsympathischer rüberkommt als Uku Suviste. Was ist das hier bitte? Der feuchte Traum eines Hipsters von vor 20 Jahren? Das ist nix. Das ist GAR nix. Da helfen weder die anderen Tänzer, die du um dich rumzappeln lässt, noch die Neonreklame noch die jungen Frauen mit langen Pferdeschwänzen. Das ist einfach nur meeeeh. Und obendrein riecht das für mich nach Car Crash in der Live Version – worauf ich hoffe, dann hätte es wenigstens noch was Lustiges.

Chancen aufs Finale: Kann froh sein, wenn er nicht letzter wird.

Warschau 2022: Hau ab.

1/10


7. Moldau: Natalia Gordienko – Sugar

Och nee! »Replay« war ein Abklatsch von »Fuego«, und »Sugar« ist seinerseits wiederum ein blasser Abklatsch von »Replay«. Wenn man sich überlegt, dass die Dame bei ihrer letzten Teilnahme drei verschiedene Outfits anhatte, die zusammen angezogen immer noch weniger waren als das, was die meisten anderen Damen üblicherweise auf der ESC-Bühne anziehen, ist es wohl nicht vermessen zu vermuten, dass hier beim Auftritt wohl auch wieder die Sex-Karte gespielt werden wird. Und damit meine ich nicht nur die Outfits, sondern auch das Lippenlecken beim Singen, das wohl lasziv wirken soll, mich persönlich aber in Lichtgeschwindigkeit in die Pipipause treibt. Mach das weg!

Chancen aufs Finale: Ich hasse es. Also kommts weiter.

Chisinau 2022: Bloß nicht!

0/10


8. Island: Daði og Gagnamagnið – 10 Years

Es fällt mir aus zwei Gründen extrem schwer, eine Bewertung für diesen Song abzugeben – nein, eigentlich kann ich es nicht. Aber ich versuch mich trotzdem. Natürlich zieht hier jeder, der beide Songs kennt, den Vergleich zur Vorjahressensation »Think about things«, und allgemein wird behauptet, dass »10 Years« im Vergleich deutlich schwächer sei. Kann ich jetzt so nicht unterschreiben. Ich finde, Daði  hat auch in diesem Jahr wieder glänzend abgeliefert und wird sicher ganz vorne mit dabei sein. Dabei ist er seinem Stil und auch den Outfits treu geblieben, so dass böse Zungen sagen, das wär ja nur ein Abklatsch. Aber: Nicht jeder hat das letztes Jahr gesehen, und da man nur für und nicht gegen einen Song anrufen kann, wird das sehr gut abschneiden.

Wenn Ihr es Euch mit mir nicht verderben wollt, dann SOLLTET Ihr auch für den Song anrufen. Denn durch die Tatsache, dass in diesem Jahr ausnahmsweise Background-Gesang vom Band möglich ist, hat Daði die Eurovisionsgemeinde dazu aufgerufen, in seinem Song mitzuwirken und eine kurze Stelle im Background mitzusingen. Im Video ist das die Stelle, wo scheinbar der Kinderchor singt, in Wahrheit sind es aber 1135 Eurovisionsfans aus aller Welt (er hat sie alle genommen, hat er gesagt!), darunter übrigens auch Jendrik Sigwart. Und eben auch meine Wenigkeit.

Chancen aufs Finale: Na, aber hallo!

Reykjavik 2022: Oh Gott, das wär so genial!

10/10

Sonntag, 11. April 2021

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 5

Weiter geht’s mit dem zweiten Semi:


1. San Marino: Senhit – Adrenalina

Und auch das zweite Semi beginnt mit einem Kracher, und zwar mit einem, mit dem wohl kein Mensch ernsthaft gerechnet hätte. San Marino stand ja bisher für Trash irgendwo zwischen Fremdscham und Guilty Pleasure. Allein schon Senhits Vorjahresbeitrag: Cringe vom Feinsten. Und dann das: Hätte ich nicht gewusst, woher dieser Beitrag kommt, hätte ich ihn sofort in Richtung Aserbaidschan verortet. Senhit war wohl ihr Vorjahresdings selbst zu peinlich, so dass sie in diesem Jahr zeigen musste, was sie wirklich drauf hat. Mal sehen, wie sie das umgesetzt kriegen. Das Video war immer noch recht bunt, aber professioneller als alles, was ich bisher aus San Marino gesehen habe. Wenn die so weiter machen, müssen wir wirklich noch Andorra zurückholen!

Chancen aufs Finale: Es wird nicht nur ins Finale kommen, sondern vielleicht sogar die beste san marinesische Platzierung ever werden.

Seravalle 2022: Das wär mir dann jetzt doch ein bisschen zu mutig.

6/10


2. Estland: Uku Suviste – The Lucky One

»Komm, mach aus, das wird nicht besser.« Das waren die weisen Worte von Doktor Irving Wolther zu Beginn des letztjährigen Estland-Reaktions-Videos. Und es ist auch dieses Jahr nicht besser geworden. Obwohl die Esten die Wahl hatten, wählten sie wieder diesen unsympathischen Schönling mit einem erneut strunzlangweiligen Lied. Ja, man kann es sich anhören, aber das ist kein Qualitätskriterium. Und Uku, noch zwei Sachen: Erstens: Wenn man bei der Eurovision gewinnen will und in seinem Video um Wasser rum treibt, ziehe man sich bitte aus, sonst funktioniert das nicht. Zweitens: Nur weil du denkst, dass du jetzt, wo Tom Leeb nicht antritt, der Schönste in der Klasse bist, macht dich das auch nicht sympathischer.

Chancen aufs Finale: Nein. Und zwar völlig zu Recht nicht.

Tallinn 2022: Bitte dann mal wieder einen gescheiten Eesti Laul. Ihr wart einst die Coolsten von allen!

4/10


3. Tschechien: Benny Cristo – Omaga

So, da hat der arme Benny Cristo also den Todesslot erwischt. Dabei macht der Song wirklich gute Laune, und Bennys positive Ausstrahlung tut ein Übriges. Dennoch, es wird sehr schwer werden für die Tschechen. Das Bemerkenswerteste is noch das Wortspiel »Omaga«, was der Aussprache nach zu urteilen wohl »Oh my God« heißen soll. Es wird hier viel davon abhängen, wie sie es auf die Bühne bringen. Die Startnummer nach Estland ist nicht unbedingt ein Nachteil, aber sie müssen schon sehr reinkrachen, um am Ende nicht vergessen zu werden. Ich sehe sie leider eher draußen.

Chancen aufs Finale: Siehe oben. Meiner Meinung nach eher nicht.

Prag 2022: Ich hab zum Geburtstag eine Reise dorthin geschenkt bekommen. Hoffentlich können wir die dann nächstes Jahr machen.

6/10


4. Griechenland: Stefania – Last Dance

Beim Video wurde auch in diesem Jahr wieder alles aufgefahren, was die Fantasie hergibt. Leider lenkt das alles sehr von dem Song ab. Eine Dance-Nummer, die zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rausgeht, viel, viel glattgebügelter als »Supergirl« letztes Jahr. Es ist der letzte Tanz, soll aber doch nicht der letzte Tanz sein. Geht wohl wieder um Corona. Hier wird alles darauf ankommen, wie das auf die Bühne gebracht wird. Der Song allein wird es nicht reißen.

Chancen aufs Finale: Griechenland und solche Nummern – das wird wohl funktionieren.

Athen 2022: Nein.

5/10

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 4

 13. Rumänien: ROXEN – Amnesia

So, Freunde. Auch wenn ich mit dieser Meinung auch wieder allein auf weiter Flur stehen sollte: Dark-Horse-Alarm! Das hier ist zurückhaltend geschätzt ungefähr hunderttausendmal besser als der letztjährige Beitrag der Rumänen, da viel, viel glaubwürdiger. Dass Roxen sich vom Leben und von den Umständen herumgeschubst fühlt und die Kontrolle verloren hat, nehme ich ihr viel eher ab als die Tatsache, dass sie in besoffenem Zustand ihren Liebsten anruft. Das verstörende Video tut da noch ein Übriges. Roxen als Künstlerin hat ja sowieso was Einzigartiges, das gilt auch und vor allem für ihre Stimme. Aber, liebe Rumänen: Das unsägliche Kleid aus dem letztjährigen Vorentscheid bleibt bitte in der Altkleidersammlung! Oder noch besser: Verbrennt es, wenn Ihr nicht schon habt!

Chancen aufs Finale: Nach zwei Pleiten geht es für die Rumänen wieder ins Finale. Und zwar nicht knapp, sondern sehr, sehr, deutlich.

Bukarest 2022: Wie gesagt: Dark-Horse-Alarm.

8/10


14. Aserbaidschan: Efendi – Mata Hari

Man kann ja über Aserbaidschan sagen, was man will, aber wie Eurovision geht, wissen sie. Kurz und knackig: Hier wurde alles richtig gemacht. Sie wussten, dass sie letztes Jahr ein sehr starkes Gesamtpaket hatten, deshalb haben sie den diesjährigen Song nicht nur mehr als marginal an den letztjährigen angelehnt, sondern sogar eine raffinierte Referenz eingebaut: »Just like Cleopatrrra the army of lovers ...« Und auch der Refrain ist wieder catchy bis zum Gehtnichtmehr. Am besten gefallen mir zwei Sachen: Erstens hab ich noch nie gehört, wie jemand »desire« auf »liar« gereimt hat, und zweitens kriegen sie mich natürlich spätestens bei dem Teil, wo der Beat auf einmal doppelt so schnell wird. Sie hatten mich aber schon vorher. Mit anderen Worten: Leider geil.

Chancen aufs Finale: Ja sischer dat!

Baku 2022: Es kommt sehr weit nach vorne, aber ich weiß nicht, ob es gewinnen kann.

8/10


15. Ukraine: Go_A – SHUM

Bevor ich zum ersten Mal den letztjährigen Beitrag »Solovey« von Go_A gehört habe, hätte ich nie gedacht, dass ich jemals Gefallen an weißem Gesang finden könnte. Aber Go_A schaffen sogar das. Und mehr noch: »Solovey« war unterm Strich schon mein Lieblingsbeitrag im letzten Jahr, aber »SHUM« finde ich fast noch stärker. Treibende Elektrobeats. Flöten. Landessprache. Ein Lied, um mit Lärm und Tanz den Frühling herbeizusingen. Ich liebe alles daran! 

Chancen aufs Finale: Jaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Kiew 2022: In einer gerechten Welt, ja. In dieser leider nicht.

10/10


16. Malta: Destiny – Je me casse

Diese Frau ist allen Ernstes erst 18?! Die hätte ich ihr niemals gegeben. Bekanntlich fand ich ihren Vorjahresbeitrag nicht so wirklich prickelnd, ich hätte sie im Gegensatz zu allen anderen nicht mal im Finale gesehen. In diesem Jahr nun singt sie eine Female Empowerment Hymne mit einer französischen Titelzeile und eingestreuten Saxophonsprengseln. Die ist sehr, sehr deutlich an »Toy« angelehnt, hat aber auch thematische Anleihen an »Proud«. Es geht darum, als Frau selbstbewusst und unabhängig zu sein. Destiny hat eine absolute Wahnsinnsstimme, das wird sicherlich Punkte ohne Ende bringen. Darüberhinaus? Man wird sehen. Mich holt es nicht ganz so ab wie alle anderen.

Chancen aufs Finale: Natürlich. Allein schon der Startnummer wegen.

Valletta 2022: Sagen die Bookies. Sag ich nicht. Obwohl ... »I’m not your Toy« versus »I’m not your Baby«? Hm. Weiß nicht.

6/10


Das war es schon mit der ersten Runde! Dann wollen wir doch mal sehen, wer von denen es schaffen könnte.

Ins Finale kommen:


Litauen

Russland

Schweden

Irland

Zypern

Norwegen

Israel

Rumänien

Aserbaidschan

Ukraine

Malta


Ups, das sind 11. Dann muss ich einen streichen. Hmmmmm.... Norwegen oder Israel. Oder doch Russland? Aber mit Aserbaidschan, Litauen und der Ukraine und der Geschichte dahinter müsste Russland es eigentlich schaffen. Nee, ich streiche Israel. Das riecht ja jetzt schon wieder nach Metzelsemi. Mal sehen, ob das zweite einfacher ist.

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 3

9. Norwegen: TIX – Fallen Angel

ÖH?! ÖÖÖÖH!? Der hat Keiino rausgeschmissen! Das muss doch gut sein. Das muss d... ÖÖÖCH?!  Ich bin verwirrt. Ein sonnenbebrillter Mann mit dem Gesicht des jungen Marius Müller-Westernhagen, dem Geschmeide des gesamten Ponte Vecchio, den Engelsflügeln von Rocco, güldener Gewandung und einem Mantel, bei dem ich nicht weiß, ob er aus Kunstpelz oder aus Trockeneis ist, singt mit toller Stimme einen Song, wo er sagt, dass er ein gefallener Engel ist. Der könnte sich doch eigentlich direkt mit der Zypriotin zusammentun. Wenn man den Berichten glauben darf, ist das einer der größten Stars in Norwegen. Damit wir anderen uns seinen Namen auch merken, hat er ein Stirnband um, wo der Name draufsteht. Der Song an sich gefällt mir durchaus gut, allerdings hat das Ganze visuell was von einem Unfall mit einem Tanklaster. Dass er dabei an jeder Hand drei gefallene Engel (in schwarz) an sich gekettet hat, treibt den Trash-Faktor nochmal zusätzlich in die Höhe. Hm.

Chancen aufs Finale: Fällt halt auf, und auffallen ist nie verkehrt.

Oslo 2022: Nein. Nein, nein, nein!

5/10 (und die alle für den Song!)


10. Kroatien: Albina – Tick-Tock

Vor einiger Zeit wurde die Schmuckgestalter-Welt von einem Erdbeben erschüttert. Swarovski macht seine Do-it-yourself-Linie dicht. Warum erwähne ich das hier? Anscheinend hat es sich auch in die Eurovisionswelt rumgesprochen, denn ich sehe nur Strass, Strass, Strass. Ansonsten ist auch dieser Song wie schon mehrere andere heute aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt. Die Strophen sind etwas beliebig, dafür kracht der Refrain richtig rein und rettet den Beitrag. Speziell nach dem Norweger würde es nämlich sonst schwierig, da die Kroaten rein optisch auf den gleichen Glitzer-Overkill setzen. Der fällt beim Norweger aber mehr auf.

Chancen aufs Finale: Wird schwierig, aber vielleicht klappts.

Zagreb 2022: Nein.

6/10


11. Belgien: Hooverphonic – The Wrong Place

Hooverphonic-Bassist Alex Callier hat sich ja letztes Jahr in der Bubble recht unbeliebt gemacht dadurch, dass Belgien das einzige Land war, das sich dem gemeinsamen Einsingen von »Love Shine a Light« verweigert hat. Zum Glück für ihn wird das außerhalb der Bubble genausowenig interessieren wie die Tatsache, dass Leadsängerin Luka Cruysberghs gegen die kampferprobte Geike Arnaert ausgetauscht wurde. Ich fand ihren letztjährigen Beitrag wunderschön, aber der diesjährige passt tatsächlich viel besser zu Geike als zu der zerbrechlichen, zarten Luka. Der Song ist  recht düster, es geht um einen schiefgelaufenen One Night Stand. Musikalisch sind eine Menge spannender Ideen umgesetzt, allerdings muss der Schluss unbedingt nochmal angefasst werden. Dieses Abhacken da am Ende funktioniert überhaupt nicht.

Chancen aufs Finale: Auch das könnte schwierig werden, aber vielleicht klappts

Brüssel 2022: Nein.

7/10


12. Israel: Eden Alene – Set Me Free

Auch hier bin ich mit dem Schluss nicht so zwingend glücklich, aber ansonsten ist diese Startnummer für Eden Alene der Jackpot. Der Song setzt sich maximal von den Belgiern ab. Es beginnt sehr leise, nimmt aber dann schnell Fahrt auf. Die Ethno-Streicher geben dem Song genügend Kante, aber ohne, dass es zuviel wird. Auch hier gibt es wieder jede Menge lustiger Tanzschritte, die man bestimmt auch ohne Wasser nachtanzen kann. Und dann der Schluss, wo Eden nochmal so richtig zeigen kann, was sie stimmlich draufhat. Wow!

Chancen aufs Finale: Ich gehe hier mal wieder nicht mit der Mehrheit konform und sage, dass sie es auf jeden Fall schafft.

Tel Aviv 2022: Nein.

7/10

Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 2

 Weiter gehts:

5. Australien: Montaigne – Technicolour

Bevor ich mich der Interpretin im Allgemeinen und dem Song im Besonderen widme, eine Frage vorab: Habe ich einen Trend verpasst, oder ist es inzwischen wieder en vogue, dass Frau ihr Achselhaar länger als abrasiert trägt? Das hab ich seit der jungen Nena nicht mehr gesehen. Aber gut, to business, Frau Fabian muss ja nicht alles verstehen. Montaigne hat immerhin die Clownsklamotten und das entsprechende Make-up weggeräumt, besser geworden ist aber dadurch nichts. Hier hat man einhundertzweiundelfzig Songs in einen reingepackt, getreu dem Motto »Viel hilft viel.« Na ja. Jeder kann sich mal irren. Für mich ist das alles nur anstrengend und nicht eingängig, da kann Montaigne ihre Stimme noch so akrobatisch präsentieren. Nee, nee, nee. Ganz, ganz, grauenhaft.

Chancen aufs Finale: Wenns Gerechtigkeit gibt, nicht. Aber es gibt keine. Außerdem gibts nur sechs Rausflieger.

Somewhere in Europe 2022: ....? ! ?? :o 

0/10


6. Nordmazedonien: Vasil – Here I Stand

Haldor Lægrid reloaded oder Willkommen beim Eurovision Musical Contest. Ich sehe ja ein, dass es nach Würdigung schreit, wenn ein Künstler aus seinem innersten Inneren in Phasen tiefer Bestürzung (nach dem abgesagten Contest letztes Jahr) einen Song schreibt, und ich sehe auch ein, dass ein solcher Song dann gern ein bisschen Pathos haben darf, aber lieber Vasil: Du bist mit dem Song definitiv auf der falschen Veranstaltung. Das gehört als Höhepunkt in irgendein Musical. Hier fehlt leider jedweder Ansatz von Struktur, da ist nichts, woran man sich erinnern kann oder auch nur will. Vasil singt sich natürlich die Seele aus dem Leib, aber er neigt doch sehr zum Überperformen. So ist das leider chancenlos, was mir für ihn natürlich leid tut, aber irgendwen schrägts halt immer. Dabei war sein Vorjahresbeitrag echt schön!

Chancen aufs Finale: Keine. Und hier bin ich mir ausnahmsweise absolut sicher.

Skopje 2022: Wenn überhaupt, dann nur als neues Musical.

3/10


7. Irland: Lesley Roy – Maps

Lesley! Die hatte ich im letzten Jahr schon total ins Herz geschlossen, und auch dieses Jahr liefert sie wieder ab. »Maps« ist sehr eng an »Story of my Life« angelehnt, und das ist sicherlich kein Fehler. Der Song geht sofort ins Ohr und macht zumindest mir supergute Laune. Dazu kommt, dass Lesley wahrscheinlich der größte Sympathiebolzen seit Poli Genova ist. Wenn sie die Inszenierung nicht versemmeln, sehen wir das zweimal.

Chancen aufs Finale: Siehe oben. Ich denke, dass sie es schafft.

Dublin 2022: Nein

9/10


8. Zypern: Elena Tsagrinou – El diablo

Manche Songs machen es einem ein bisschen schwer, sich ihnen zu nähern. Wir haben hier eine recht ausstrahlungsarme, aber sehr gelenkige Interpretin, die uns in grottenschlechtem Englisch einen davon erzählt, dass sie in den Teufel verliebt ist, und er sagt ihr, dass sie sein Engel ist. Sie macht alle möglichen und unmöglichen Verrenkungen dazu, was zugegebenermaßen nicht jeder kann, und wird dabei irgendwann von einer Horde oberkörperfreier Kerle umtanzt. Zwischendrin kommt urplötzlich ein leiser Teil, wo sie ihre Mamacita fragt, was sie tun soll, und am Ende singt ein Chor auf diese Nänänänänäänää-Melodie (die, die man singt, wenn man anderen eine lange Nase dreht) »I love el diablo, I love el diablo«. Was sagt man nun dazu? Am besten: Nichts.

Chancen aufs Finale: Tamta hats geschafft, Eleni hats geschafft, und sie schaffts auch.

Nikosia 2022: Ochi.

4/10


Die Eurovisionsklasse 2021, Teil 1

 Los gehts mit dem ersten Semifinale:

1. Litauen: The Roop – Discoteque

Und los geht es dann auch gleich mal mit einem Kracher. The Roop gehörten ja im letzten Jahr bekanntlich zu den Top-Favoriten auf den Sieg, und »Discoteque« [sic!] macht da weiter, wo »On Fire« aufgehört hat. Der charismatische Frontsänger und seine Truppe sind allesamt ganz in gelb gewandet, was vermutlich für den Rest der Saison so bleiben wird und vor dem schwarz-weißen Hintergrund super kommt. Dazu gibt es einen guten, abwechslungsreichen Song, dem leider etwas Vergleichbares wie der Instrumentalteil aus »On Fire« fehlt. Aber dafür bekommen wir hier eine Tanzchoreographie, die in die Eurovisionsgeschichte eingehen und dermaleinst der Burner auf allen Euroclub-Tanzflächen sein wird. UND obendrein noch lustige Handbewegungen. Ihr könnt schon mal üben!

Chancen aufs Finale: Die Frage ist doch wohl eher: Gewinnt es das Semi? Und die Ansage mache ich, ohne den Rest gehört zu haben.

Vilnius 2022: Ich denke, das ist auch dieses Jahr möglich. Mal sehen, wie hart die Konkurrenz ist.

8/10


2. Slowenien: Ana Soklič – Amen

An Ana sieht man dann auch gleich sehr gar nicht schön, wo das Problem ist, wenn man direkt im Folgejahr nochmal antritt. Es kommt immer sofort der Vergleich zum Vorjahresbeitrag, und der fällt in diesem Falle leider zu Ungunsten von Amen aus  – und ich fand Voda schon nicht so prickelnd. Anas tolle Stimme ist geblieben, das ist aber auch alles. Ansonsten schlonzt sie sich durch ein bombastisches 4-Chord-Stück mit Rückung, leider obendrein noch auf Englisch, und es ist einfach. Nur. Langweilig. Dazu kommt, dass ich bei diesem Song wie auch bei allen anderen das offizielle Video habe, das ist aber mindestens eine halbe Minute zu lang geraten. Ich befürchte, dass die Rückgängig-Machung der Rückung ganz am Ende das ist, was der Schere zum Opfer fallen wird. Fatal, denn das war das Interessanteste am ganzen Song.

Chancen aufs Finale: Glaub ich auch in diesem überschaubaren Feld nicht.

Ljubljana 2022: No.

4/10 (für die gute Sängerin)


3. Russland: Manizha – Russian Woman

Little Big, im letzten Jahr ebenfalls einer der Top-Favoriten auf den Gesamtsieg, sind nicht nochmal angetreten. Als Nachfolgerin kam eine, die den wohl außergewöhnlichsten russischen Beitrag aller Zeiten im Gepäck hat, and that is saying something. Manizha ist Frauenrechtlerin, LGBT-Befürworterin und allein dafür und für die Botschaft ihres Songs (»every russian woman needs to know you’re strong enough to bounce against the wall«) gehört ihr der Lorbeerkranz gewunden. Leider kommt ihr Song an den meisten Stellen zu schräg in meinen Ohren an, auch bin ich ja alles andere als eine Rapfreundin. Der langsame, hymnische Teil ist dann wieder wunderschön. Summa summarum muss man aber immer das Gesamtpaket sehen, und dem ist eine gute Platzierung unbedingt zu wünschen.

Chancen aufs Finale: Es ist Russland. Die kommen immer ins Finale, es sei denn, sie wollen nicht.

Moskau 2022: Das wäre allein schon deshalb super, weil die Homophoben dann dort kollektiv vom Stuhl fallen würden. Wird aber leider nicht passieren.

6/10 (weil wegen Gesamtpaket und so)


4. Schweden: Tusse – Voices

Eigentlich müssten wir ja stinksauer sein auf die Schweden. Die und ihr geheiligtes Mello waren wohl einer der Hauptgründe dafür, warum nicht nochmal alle Vorjahresteilnehmer in diesem Jahr angetreten sind, so dass uns auch die wunderbaren Mamas nicht nochmal beglücken konnten. Die haben zwar beim Mello teilgenommen, mussten sich aber hinter dem Sieger und einem gewissen Eric Saade mit dem dritten Rang begnügen. Aber das, was wir statt dessen bekommen haben, ist ein mehr als adäquater Ersatz. Tusse hat eine unglaublich tolle Stimme, und obwohl das, was er uns da präsentiert, nun weiß Gott das Rad nicht neu erfindet, holt es mich aus irgendeinem Grund sofort ab – und das, wo ich mich doch bisher nun wirklich nicht in Verdacht gebracht habe, schwedische Beiträge in den Himmel zu jubeln. Das hier ist gut. Und wird gut abschneiden. Ist schließlich Schweden!

Chancen aufs Finale: Hömma! Es ist Schweden!

Stockholm 2022: Er wird vorne mitspielen, aber nicht gewinnen.

9/10 (huch?!)

ESC 2021 - Ein paar Worte vorab

Tach, Gemeinde! Alle wieder aus dem Winterschlaf erwacht? Ich hoffe! Von mir selbst kann ich das leider nicht sagen, aber nachdem ich einen Blick auf den Kalender geworfen und festgestellt habe, dass es schon Mitte April ist, Ostern rum und die Fastenzeit somit beendet, gehen mir allmählich die Ausreden aus.

So ganz bin ich noch nicht zurück in der Spur, obwohl mich der Ausfall des ESCs 2020 wirklich hart getroffen hat, wie wohl viele von Euch. Das Beste, was man über den ESC 2021 sagen kann ist, dass er überhaupt mal stattfindet. In welcher Form das geschieht – we will see. Es gibt verschiedene Szenarien, wie es ablaufen kann, aber welches es dann genau sein wird, werden wir wohl erst sehen, wenn es losgeht, Corona sei Dank.

Zwei Länder werden in diesem Jahr nicht dabei sein, beide aus höchst bedauerlichen und traurigen Gründen: 

Die Armenier sahen sich vor dem Hintergrund der erneuten Kämpfe um Berg-Karabach außerstande, einen Song auszuwählen und nach Rotterdam zu schicken. 

In Belarus sah das anders aus. Die letztjährigen designierten Vertreter Val sympathisieren mit der Demokratiebewegung in Belarus, selbstverständlich zum Missfallen von Lukaschenko. Der wollte lieber einen regimekonformeren Vertreter beim ESC sehen und ließ deshalb die Band Galasy ZMesta mit dem Song »Ya nauchu teba« (zu deutsch: »Ich bringe dir bei«) antreten. Vordergründig ein harmloser Song, hintergründig aber einer, aus dem man die Botschaft herauslesen kann, die Truppe möchte den Zuhörern Gehorsam gegenüber Lukaschenko beibringen. Das sah dann auch die EBU so, die den Song einkassierte und die Belorussen dazu aufforderte, mit einem neuen, unpolitischeren Text an den Start zu gehen. Der neue Song kam dann auch, der Text aber fiel bei der EBU wieder durch, so dass Belarus beim ESC 2021 nicht an den Start gehen wird.

Da waren es dann nur noch 39. Ich hoffe aber, dass diese 39 uns viel Freude machen werden und dass das größte Problem beim ESC 2021 sein wird, dass das eine oder andere Lied möglicherweise grottenschlecht ist oder zu Unrecht im Semi rausfliegt und dass der völkerverbindende Charakter der ganzen Veranstaltung wieder in den Fokus gerückt wird.

In diesem Sinne wünsche ich Euch und uns allen einen großartigen ESC 2021 – let the Songbesprechung: BEGIIIIIIN!

Zwei Anmerkungen noch in eigener Sache: In den letzten Jahren hatte ich bei der Besprechung ja immer tatkräftige Unterstützung durch den Nachwuchs. Darauf verzichte ich in diesem Jahr, weil ich es sonst schlicht und einfach nicht schaffe. Und, und jetzt möchte ich bitte das eine oder andere Frohlocken hören: Der Hörtest kommt wieder! Nachdem ich mich 2017 ja so blamiert habe, habe ich 2018 und 2019 keinen gemacht, 2020 ja sowieso nicht. Aber 2021 könnte man ja mal wieder ... Deshalb arbeite ich die Beitrge in diesem Jahr auch wieder in Startreihenfolge ab. 

Also, ready, steady, go!

Freitag, 15. Mai 2020

Fazit 2020

So, DURCH! Gott, was ein Stück Arbeit. Irgendwie sinkt die Motivation gewaltig, wenn man weiß, dass das im Grunde alles Banane ist und es nie zu einem wirklichen Wettbewerb kommen wird. Aber: Der größte Teil des Eurovisionsjahrgangs 2020 ist auch einfach nicht gut. Keine 10, nur eine 9, das hatte ich noch nie.

Wenn ich jetzt eine Prognose wagen sollte, würde sie wie folgt aussehen:

Weiterkommer aus den Semis:

Semi 1:

Schweden
Weißrussland
Litauen
Irland
Russland
Malta
Aserbaidschan
Norwegen
Rumänien
Ukraine

(PUUUUH! Hier hatte ich 13 Weiterkommer, musste schweren Herzens die Belgier rausschmeißen. Und dazu noch Nordmaze und Israel.)

Semi 2:

Griechenland
Österreich
Tschechien
Island
Schweiz
Dänemark
Albanien
Armenien
Bulgarien
Lettland


Die Top 6 im Finale hätte vermutlich so ausgesehen:

Island
Russland
Litauen
Schweden
Schweiz
Bulgarien,

wobei der Sieger unter den ersten drei Ländern zu suchen gewesen wäre. Auch wenn Island derzeit in allen Prognosevideos und Ersatzwettbewerben abräumt und ihnen der Sieg von ganzem Herzen zu gönnen gewesen wäre, bin ich mir nicht ganz so sicher. Dazu sitzt mir der Schock mit Francesco Gabbani von vor drei Jahren auch immer noch zu sehr in den Knochen. Wir werden es nie erfahren, da das alles von so vielen Dingen abgehangen hätte. Am Ende hätte Senhit aus San Marino dann doch das große Eurovisions-Momentum geschafft, und dann hätten wir aber alle mal schön in die Röhre geguckt.

Warum Malta dermaßen hoch gehandelt wird, verstehe ich nach wie vor nicht. Ich sehe sie nicht in der Top 10.

Der Barbara-Dex-Award wäre vermutlich entweder an Portugal oder an Serbien gegangen. Damit hätten wir dann das erste Land gehabt, das den BDA dreimal gewonnen hätte. Auch schön.

Ansonsten hätten die Niederlande mit Sicherheit eine supertolle Show auf die Beine gestellt, ich hoffe, dass sie es im nächsten Jahr tun können und werden.

Tja. Genießt morgen Abend die ganzen Shows, auch wenn es nicht dasselbe ist, und vor allem: Bleibt gesund und uns gewogen!

Lass Dich überraschen, Teil 8

Spanien: Blas Cantó - Universo

Blas, der Mann mit dem schärfsten Schlafzimmerblick Spaniens (oh mein Gott, was ein Satz! Ich muss den Nachnamen benutzen. Keine Witze mit dem Namen, das ist unreif, pubertär und deshalb abzulehnen), zeigt uns im Video seine komplette Garderobe und klettert in der Gegend rum. Seine Tänzer tragen dabei die kompletten Glitzervorräte am Körper, die noch von Aserbaidschan vom letzten Jahr übrig sind. Na ja, wenns schön macht. Das Lied besteht im wesentlichen aus "perdona me, perdona me, uni- universo", und weil ich kein Spanisch kann, frage ich mich, was ihm das Universum eigentlich verzeihen soll. Der Song ist ansonsten nicht weiter erwähnenswert, Herr Canto selbst ist, wie gesagt, Eye Candy. Aber ich habe ganz leichte Zweifel, ob er dieses stimmlich durchaus herausfordernde Liedchen live gestemmt bekommen hätte. Das hat doch gewaltiges Carcrash-Potenzial.

Das wär sein Preis gewesen: Da ich hier besagten Carcrash hätte kommen sehen, Platz 20+.

6/10 (Kinder: 5 und 5)


Tschechien: Benny Cristo - Kemama Sehr ungewöhnlicher Sound für die Eurovision. Stark afrikanisch bzw lateinamerikanisch beeinflusst, fängt der Song super an, geht dann aber irgendwie nicht so richtig weiter. Da hätte zum Ende hin noch etwas mehr Abwechslung kommen dürfen. Benny ist ein toller Sänger, keine Frage, er hätte das auch live gestemmt bekommen. Die Schwächen und die fehlende letzte Konsequenz im Songwriting überdeckt das aber leider nicht.

Das wär sein Preis gewesen: Uff, das wäre eine enge Kiste geworden für die Tschechen.

6/10 (Kinder: 5 und 6)


Ukraine: Go_A - Solovey

Drittletzter Beitrag, den wir hier begucken, und noch immer keinen Zehner vergeben. Zwanzig gloriose Sekunden lang dachte ich, dass ich endlich einen Zehner gefunden habe, denn das Intro ist zum Niederknien wunderbar. Leider fing dann der Gesang an. Es mag eine osteuropäische Kulturform sein, die zu wertschätzen und zu würdigen ist, aber ich kann mit diesem Gesang unglücklicherweise nicht nur nichts anfangen, er schmerzt mich auch in den Ohren. Es wird aber im Laufe des Liedes besser. Erfreulich ist zudem, dass die Ukraine endlich mal komplett in ihrer Landessprache singt. Das hätte man ruhig früher auch mal machen können, immerhin haben ja beide Siegerinnen ukrainische Anteile im Lied. Jedenfalls musikalisch eindeutig der beste Beitrag des Jahrgangs, und es ist davon auszugehen, dass ein Eurovisions-Powerhouse wie die Ukraine das auch atemberaubend auf die Bühne gebracht hätte.

Das wär ihr Preis gewesen: Top Ten im Finale. Wir reden hier von der Ukraine, und die wissen, wie man sowas macht. 

8/10 (Zwei Abzug für den Gesang, sonst wär es die 10 geworden. Kinder: 6 und 4 - der Gesang halt)


Weißrussland: Val - Da Vidna

Schau mal einer an, auch die Weißrussen singen in Landessprache. Das ist ja vor drei Jahren schon mal richtig toll gewesen. Dieser Song kommt leider nicht so ganz da ran. Die Strophen sind komplett arhythmisch, was das Zuhören etwas erschwert, dafür ist der Refrain umso eingängiger. Überdies wird man mit dem einen oder anderen Mätzchen abgelenkt, so trägt die (übrigens sehr gute und mit einer tollen Stimme beglückte) Sängerin eine Frisur aus Perlen und Strassgehängen. Da war wohl jemand bei Swarovski kampfshoppen. Außerdem hat der Keyboarder wohl sein Keyboard vergessen; er spielt auf dem Keyboardständer und hofft vergeblich, dass wir es nicht merken. Das alles schwächt den Eindruck des Liedes doch sehr ab und wäre eigentlich überhaupt nicht nötig.

Das wär ihr Preis gewesen: Trotz des überflüssigen Schnickschnacks wäre das wohl im Finale gewesen, hätte da aber keine Rolle mehr gespielt.

4/10 (Kinder: 3 und 4,5)


Zypern: Sandro - Running
Wieder so einer, der ganz genau weiß, dass er Eye Candy ist. Im Video wird ihm so allerlei auf den (vermutlich extra dafür) wohlgeformten Körper projiziert. Er will wohl vor irgendwas wegrennen, so wirklich gut versteht man es nicht. Ich glaube, er ist über irgendwas verzweifelt, rennt weg und wird nicht wieder fallen. Ja, schön. Dann renn mal. Ich glaub Dir leider kein Wort von dem, was Du da singst, das ist mir alles viel zu gewollt und zu unauthentisch. Der weiß genau, wie er wirkt, und versucht jetzt anscheinend, im gleichen Wasser wie Duncan Laurence zu fischen. Das geht grandios schief. Nur Eye Candy reicht halt nicht. Außerdem: es gibt nur EIN Running in der Eurovision.

Das wär sein Preis gewesen: Finale am Samstag. Aber nur, wenn er sich vorher eine Eintrittskarte gekauft hätte. Sonst nicht.

4/10 (Kinder: 4 und 6)

Dienstag, 12. Mai 2020

Lass Dich überraschen, Teil 7

Russland: Little Big - Uno

Oh mein Gott, was ist DAS? Das ist so bekloppt und over the top, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Herren mit Frisuren, für die Homens de la Luta sich weiland in Grund und Boden geschämt hätten, mit durchsichtigen Hemden über bemalten Oberkörpern (bitte sagt mir, dass das keine Tattoos sind!), die Damen mit Stimmen, für die die Sängerin von Aqua sich aus dem Fenster gestürzt hätte, und noch der eine oder andere Make-Up-Unfall. Dazu noch der eigentliche Star der Performance: Ein kleiner dicker sehr beweglicher Tänzer im Jogginganzug, für den in Rotterdam wohl einer der anderen hätte zuhause bleiben müssen - der Tänzer hätte zwingend mit gemusst! Das ganze ist scheußlich und im Grunde nichtssagend, aber eingängig wie Hölle. Ich hatte nach dem Hören definitive Verka-Serduchka-Vibes.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich sag das ja jetzt echt nicht gern aber … "Ladies and Gentlemen, the winner of the Eurovision Song Contest 2020 iiiiiiiiis: RASCHA!"

 2/10  (Kinder: 0,5 und 1)


San Marino: Senhit - Freaky

Ach, San Marino. Nur, weil man behauptet, freaky zu sein und jede Menge lustiger Freunde mitgebracht hat, die sich allesamt gebärden, als wären sie 15 Jahre jünger, ist man noch nicht freaky, freaky, freaky. Da kann man das noch so oft sagen. Wir sind jung, wir sind cool, wir haben uns lustig verkleidet, und wir können auch sehr schön rumhopsen. So ungefähr. Aber ich hab schlechte Neuigkeiten für Euch, Leute. Man schämt sich eher ganz leicht fremd, weil diese wunderbare Scheißegal-Komponente, die zB Serhat hatte, bei Euch fehlt. Zudem stammt die Musi aus einer längst vergangenen Epoche. Okay, das tat die von "Amor pelos dois" auch, aber Senhit ist nicht Salvador, und San Marino ist nicht Portugal. Obwohl, wie war das mit Portugal vor und nach dem Salvador-Jahr? Ach, egal, nicht aufgeben, San Marino, irgendwann platzt sogar bei Euch der Knoten.

Das wär ihr Preis gewesen: Fernsehabend. Samstag. Und Donnerstag am besten auch, den Song braucht echt kein Mensch.

4/10 (Kinder:  4 und 5)


Schweden: The Mamas - Move

Die Mamas sind zurück, und dieses Mal sind sie allein. In dieser Formation sind sie genauso anbetungswürdig wie letztes Jahr mit John Lundvik. Ihr fröhlicher Gospelsong ist zugegebenermaßen nicht der stärkste im Feld, aber solides Handwerk, und man ist ja schon für so wenig dankbar in diesem Jahr. Sie machen das mit einer Verve und Stimmgewalt, dass man gar nicht anders kann, als ihnen zu Füßen zu liegen. Da sieht man auch über das nicht so gelungene Outfit der Mama mit den rötlichen Haaren locker hinweg. Die Schweden könnens halt einfach.

Das wär ihr Preis gewesen: Sichere Top 10 am Samstag mit Kratzen an der Top 5.

7/10 (Kinder: 6 und 8)


Schweiz: Gjon’s Tears - Répondez-moi

Der bessere französische Song kommt in diesem Jahr aus der Schweiz, und er wird auch besser abschneiden als Frankreich. Gjon wirkt, als würde er die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern tragen (von daher: passender Künstlername!). Der Song ist keine leichte Kost, er wirkt da sehr zerrissen, was durch den permanenten Regen im (schwarz-weißen) Video noch trefflich unterstrichen wird. Geht unter die Haut, der Song. Stimmlich ist das ganz großes Tennis, er muss da sehr hoch singen und kann das ohne Probleme stemmen. Chapeau, Schwiiz, da habt Ihr was Tolles aufgefahren!

Das wär sein Preis gewesen: Final Top 10 auf jeden Fall möglich!

8/10 (Kinder: 8 und 8)


Serbien: Hurricane - Hasta la vista

Liebe Serben, vor noch gar nicht so langer Zeit wart Ihr der zuverlässigste Qualitätslieferant des Balkans. Was habt Ihr uns nicht schon für tolle Beiträge beschert; das ging direkt mit einem Sieg am Anfang los und ließ dann auch lange nicht nach. In diesem Jahr nun schickt man ein paar ausgemusterte Bachelor-Kandidatinnen (oder wars Love Island? Egal!), deren Outfits jeder Dame käuflicher Zuneigung zur Ehre gereicht hätten. Sex sells? Mag sein. Billig sells aber hoffentlich nicht. Und das IST billig. Auch der Song. Das ist nicht mehr mein Serbien! Hasta la vista, aber zackig!

Das wär ihr Preis gewesen: Mit nem Tritt in den Allerwertesten nach Hause am Donnerstag, in die Ecke stellen und eine Woche lang keinen Nachtisch!

0/10 (Kinder: 0 und 0)


Slowenien: Ana Soklič - Voda

Sehr schöne dunkle Stimme, klassisch beginnende Ballade. Allerdings kommt die einfach nicht aus dem Quark, es dauert geschlagene anderthalb Minuten, bis der erste Refrain kommt. Das ist schon schön anzuhören, aber eben leider ein sehr plätscherndes Wasser. Da hätte ich mir dann zum Ende hin dann schon gern den reißenden Gebirgsbach gewünscht. Da hilft auch die gute Sängerin nichts mehr.

Das wär ihr Preis gewesen: Keine Chance aufs Finale. Sorry, Ana.

6/10 (Kinder: 6 und 5)


Donnerstag, 16. April 2020

Lass Dich überraschen, Teil 6

Norwegen: Ulrikke Brandstorp – Attention

Am Anfang dachte ich noch, das könnte was Tolles werden, dieser Streicherauftakt ist wirklich wunderschön. Aber dann kommt Ulrikke (nein, keine Wortspiele mit "Zicke"! Keine!) ins Bild, und der Beitrag hat ein sehr ernsthaftes Problem. Wenn Ihr dachtet, Leonora Colmer Jepsen wäre eine ehrgeizige Streberleiche gewesen, think again. Ulrikke guckt derartig verkniffen und angestrengt in die Kamera, dass man sich unwillkürlich fragt, was ihr da eigentlich in welcher Körperregion gerade quer sitzt. Mehr kann ich aus Rücksicht auf meine mitlesenden Kinder nicht schreiben, but you get the picture. Ich weiß nicht, ob es ihre Physiognomie oder ihre Mimik ist, aber bitte, WAS ist da gerade so anstrengend? Das Singen? Na ja, singen kann sie ja, aber sonst? Der Fummel, den sie da an hat, ist vielleicht auch ein ganz bisschen suboptimal.

Das wär ihr Preis gewesen: Natürlich ist das Juryfutter vom Feinsten. Dürfte in etwa ein Ergebnis wie Lake Malawi im letzten Jahr einfahren, vor allem bei den Einzelvotings. Der von Ulrikke im ESC-Kompakt-Interview für möglich gehaltene ESC-Sieg wäre es wohl nicht geworden.

6/10 (Kinder: 4,5 und 5)


Österreich: Vincent Bueno – Alive

Hui, Vincent ist wirklich ein Hübscher, und wenn er anfängt zu singen, schreckt man sofort aus dem Sekundenschlaf wieder hoch. Der Song, den er da am Start hat, erfindet das Rad zwar nicht neu, lässt sich aber gut anhören. Die Zielgruppe bin aber eh nicht ich, die dürfte um einiges jünger sein als ich. Bewegen kann er sich auch, kann man nix gegen sagen. Nicht so stark wie vieles aus der letzten Vergangenheit, aber stark genug, um nach einem Jahr Pause wieder zweimal zu singen.

Das wär sein Preis gewesen: Wie gesagt: Zwei Auftritte. Für was es dann beim zweiten gereicht hätte? Aucune idee. Mittig, denk ich mal.

7/10 (Kinder: 6 und 8)


Polen: Alicja Szemplińska – Empires

Und hier jetzt das krasse Kontrastprogramm. Wir haben eine junge Dame ganz in weiß, die im Gesicht aussieht wie die kleine Schwester von Anja Nissen. Sie steht da ganz in weiß hinter ihrem Mikrofon und bewegt sich ungefähr soviel wie Jurijus aus Litauen letztes Jahr. Muss sie im Gegensatz zu ihm bei ihrer Ballade (alles so schön dramatisch hier) zum Glück aber auch nicht. Denn ihre Stimmfarbe ist zwar ußergewöhnlich, schön rumjodeln kann sie auch, aber jetzt kommt leider das große Manko. Ihre Bewegungen wirken einstudiert (wie gesagt, glücklicherweise tanzt sie nicht), und sie hat NULL Bühnenpräsenz. That screams "Castingshowgewinnerin" auf hundert Meter Entfernung. Die Sorte Castingshow, wo alle gleich singen und gleich aussehen. Meine Kinder wollten es ja nicht glauben, aber ich hab es nachgeschaut: Es is so. Und den Schluss hat sie leider auch verkackt. Bis auf die Stimme ist da leider nicht so richtig viel.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich glaub, das wäre sehr eng geworden mit dem Finale. In einem Jahrgang mit so vielen Balladen braucht man schon ein bisschen mehr als nur eine gute Stimme.

6/10 (Kinder: 5 und 6)


Portugal: Elisa – Medo de Sentir

Oh-kay. Nach jetzigem Stand der Ermittlungen hätte Portugal in diesem Jahr auf jeden Fall klar gewonnen. Zwar nur beim Barbara-Dex-Award, aber well - was gewonnen is was gewonnen, Mylords'n'ladies! Mein Gott, wie kann man so eine schöne Frau in klamottiger Hinsicht nur so verunstalten? Und die am Klavier ist ja kaum besser angezogen. Na ja, hätte man ja noch nachbessern können. Der Aufbau mit den beiden Sängerinnen und die Zartheit des Ganzen erinnerte uns stellenweise ein wenig an "O Jardim". Leider gereicht das dem Ganzen nicht unbedingst zum Vorteil, denn am Schluss, wo es dramatischer wird, fehlt es der süßen Elisa eindeutig an Stimme. Da müsste mehr kommen. Oder vielleicht gerade auch nicht. Ach, was weiß denn ich.

Das wär ihr Preis gewesen: So hübsch das ist: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir das zweimal gesehen hätten.

6/10 (Kinder: 5,5 und 6)


Rumänien: Roxen - Alcohol You

Roxen hat sich Strasstränchen ins Gesicht geklebt, damit auch der letzte Depp mitbekommt, dass sie traurig ist. Das ist auch nötig, an der Sprache ihres Songs (meistverwendete Sprache in der Eurovision? Nein, es ist nicht Englisch. Es ist schlechtes Englisch) hätten wir es nämlich naturgemäß nicht erkannt. Es kann aber auch sein, dass das am alkoholbedingten Nuscheln enthält. Darum geht der Song nämlich: Was macht man, wenn man Liebeskummer hat? Is klar, oder? Man knallt sich die Hucke voll und ruft den Liebsten an. Das "Alcohol you" klingt bei ihr wie "I ca-hall you", und dann macht der ganze Text auf einmal Sinn. Großartiges Wortspiel großartig umgesetzt, das muss man mal neidlos anerkennen.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich geh mal davon aus, dass die letzten beiden Jahre Ausrutscher waren. In diesem Jahr wäre Rumänien wieder ins Finale gekommen und je nach Inszenierung auch in die vordere Hälfte.

5/10 (Kinder: 6,5 und 6,5)

Dienstag, 14. April 2020

Lass Dich überraschen, Teil 5

Litauen: The ROOP - On Fire

Ach ja, der gute alte Fire - Higher - Desire-Reim ist alive and well. Passt bloß auf, dass da Kasia Mos nicht anruft und ihren Text wiederhaben will. Abgesehen davon ein netter Track, kann ich mir gut anhören, vor allem dieses nülülülülülülü, nülülülülülülü zwischendrin. Hoffentlich hab ich mich jetzt bei den lü's nicht verzählt. Es zieht sich unserer Meinung nach ein bisschen, zwei Minuten hätten vollauf gereicht. Die Inszenierung ist ziemlich over the top. Es sind ein paar nette Ideen drin, zum Beispiel die Lupen am Anfang oder die Jedward-Gedächtnisfrisur-Handbewegung. Die Kostüme sind mindestens merkwürdig zu nennen, auch die Tanzbewirkungen sind vielleicht ein ganz kleines bisschen überdosiert. Glauben deshalb alle, dass das gewinnt?

Das wär ihr Preis gewesen: Finaleinzug natürlich gesetzt, vordere zehn Plätze auch, aber Sieg? Ernsthaft jetzt? Dafür ist das Lied dann doch zu sehr in die Länge gezogen.

7/10 (Kinder: 7 und 6)


Malta: Destiny - All Of My Love

Kennt jemand von Alan Parsons Project das "Tales of Mystery and Imagination"-Album? Ja? Na, dann wisst Ihr ja, woher der Anfang geklaut ist. Das ist natürlich alles seeeehr pathetisch und dramatisch, der Adler guckt streng, der Wind umtost die Klippen und die Sängerin sieht aus wie Esma Redžepova. Viel Stimmakrobatik in der Kehle, und das weiß sie auch ganz genau und setzt es gezielt ein. Anstrengend. Dazwischen immer wieder nachgestellte Szenen aus dem Video von "Arcade". Nur komplett blankzuziehen haben sie sich nicht getraut, aber ansonsten ist die Ähnlichkeit geradezu unheimlich. In wieder anderen Szenen rennen Menschen mit Mundschutz durch südländische Häuser - auf Malta ist das Ding mit Sicherheit nicht gedreht worden. Aber mit Mundschutz! MUNDSCHUTZ! Was? Das Lied? Och.

Das wär ihr Preis gewesen: Uff, schwierig. Wahrscheinlich knapp im Finale, daselbst dann rechte Hälfte.

5/10 (Kinder: 4 und 5)


Moldawien; Natalia Gordienko - Prison

Ach, Natalia. Du warst mal so eine Hübsche. Bist Du bestimmt immer noch, aber Dein Friseur und Dein Make-up-Artist haben ganze Arbeit geleistet. Natalia hat sich von Leonora die Idee mit dem Stuhl geliehen und von Alenka Gotar die Handlämpchen. Schön, die Handlämpchen mal wieder zu sehen. Das Lied und die Stimme sind eher so la la, nix, was man sich zuhause hinstellen würde. Darüber hinaus ist das alles zum Schreien aufgesetzt, mal wieder drei Minuten Lebenszeit für die Tonne, schönen Dank auch.

Das wär ihr Preis gewesen: Dem Prison der Ahoy-Arena wäre sie am Donnerstagabend bereits wieder entkommen.

4/10 (Kinder: 5 und 4)


Niederlande: Jeangu Macrooy - Grow

Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Es gibt so Länder, auf die ist bei der Eurovision immer Verlass. In den drei Minuten, wo wir das hier angeschaut haben, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Keiner hat sich gemuckst. Es ist wunderschön, sehr ruhig, sehr getragen, sehr schöne, berührende Stimme, bewegender Text über das Erwachsenwerden. Das Lied steigert sich dann langsam zum Schluss hin mit einem grandiosen Gospelchor - und klingt mal wieder total anders als alles andere. Einzig der abrupte Schluss ist gewöhnungsbedürftig. Ein typischer Gastgeberbeitrag, der sich absolut nichts beweisen muss und dennoch seine Liebhaber finden wird. So wäre zumindest zu hoffen.

Das wär ihr Preis gewesen: Ich fürchte, der schnöde Pöbel hätte es nicht so sehr geschätzt wie Meineeine. Um Platz 13, gerne aber höher.

9/10 (Kinder: 9 und 8,5)


Nordmazedonien: Vasil - YOU

Hier mal wieder einer der wenigen Beiträge, wo wir uns komplett uneinig waren. Während die Kinder bereits nach einer Minute ständig auf den Tubenbalken starrten, um zu gucken, wie lange es denn jetzt noch dauert, fand ich es klasse. Gut, Undercuts sind nicht meins, aber das hier, das hat was. Ein Dancetrack, ja, aber mit Tango-Akkordeon drin. Nach dem Jurysieg letztes Jahr haben sie wohl Blut geleckt. Allerdings ist es hier auch wieder schwierig, den Song vom Video zu trennen, aber warum hätte man die Geschichte einschließlich der süßen Frau mit den großen Augen nicht genau so auf die Bühne bringen sollen?

Das wär sein Preis gewesen: Mit der entsprechenden Bühnenshow hätte das das Finale auf jeden Fall von innen gesehen, daselbst dann aber keine Rolle mehr gespielt.

7/10 (Kinder: 3 und 4)

Sonntag, 5. April 2020

Lass Dich überraschen, Teil 4

Puh, irgendwie sinkt ja doch die Motivation, wenn man genau weiß, dass man nicht weiß, ob man Recht hat oder nicht (sagt einem auch kein Licht). Aber wir ziehen das jetzt durch, auch wenn der Nachwuchs im Moment viel lieber Star Wars schauen würde. Recht haben sie.

Let's go on:

Island: Daði & Gagnamagnið – Think about things

Habt Ihr das Geräusch gehört? Dieses leise Rollen und Reiben? Das war Karl Lagerfeld, der sich im Grab rumgedreht hat. Sechs Menschen in froschgrünen (!) Jogginganzügen (!!!) mit ihrem jeweiligen gepixelten Konterfei auf der Brust (!!!!!) singen sich durch einen okayen Song, machen lustige Tanzbewegungen, haben schräg aussehende Instrumente mit leuchtenden Tasten dabei (auch haben will!) und geben alles in allem einen Scheißdreck auf das, was bei der Eurovision von einem erwartet wird. Die haben einfach Spaß. Spaß matters, und Spaß ist ansteckend.

Das wäre ihr Preis gewesen: Top Ten im Finale auf jeden Fall, als Siegeskandidat sehe ich das aber nicht.

7/10 (Kinder: 5 und 7,5)


Israel: Eden Alene – Feker Libi

Ist das da ein Theremin am Anfang? Endlich seh ich sowas auch mal in Aktion. Die israelischen Kibbuztänze sind alive and well, allerdings: Wer ist auf die Idee gekommen, die Herrschaften in Quietschgelb mit aufgeknöpftem Hemd auf der blanken Brust und dem obersten Hemdknopf geschlossen auf der Bühne rumzappeln zu lassen? Wahrscheinlich hat irgendwer beim Sender zu viel von diesem gelben Stoff bestellt, und irgendwas musste man ja damit machen ... es wird übrigens auch nicht besser, wenn man den Stoff grün beleuchtet und/oder Rüschen draufnäht. Eden Alene dagegen hat sich die Hose und die Schuhe von Maryon (Monaco 2004) ausgeborgt und Entfärber drübergekippt. Das Lied ist ganz okay und fasziniert vor allem durch seine Vielsprachigkeit. Da ich der entsprechenden Sprachen nicht mächtig bin, hab ich gespickt: Englisch, Hebräisch, Arabisch (Hebräisch und Arabisch in einem Song!!!!!), Amharisch und eine erfundene afrikanische Sprache. Im letzten Drittel ändert sich der Beat komplett. Man hätte ruhig das ganze Lied mit diesem Beat machen können.

Das wär ihr Preis gewesen: Hm. Schwierig. Wenn Finale, dann nur sehr knapp.

6/10 (Kinder: 6 und 6,5)


Italien: Diodato – Fai rumore

Manche Länder können es einfach, das muss man neidlos anerkennen. Italien ist so eins. Das hier, das hatte mich nach zwei Zeilen. Die Strophen sind super, den Refrain finde ich nicht ganz so stark, aber das macht nix. Die Kinder haben allerdings angemerkt, dass auch dieses Lied ein wenig zu lang geraten ist für das, was es erzählt. Der offene Schluss ist schön, daraus hätte man auf der BÜhne eine Menge machen können. Alles in allem: Gutes Handwerk, große Kunst, die tollste Sprache der Welt, und den jungen Mann kann man sich auch ansehen, ohne dass man das kalte Grausen kriegt. Unser Favorit im bisherigen Feld.

Das wär sein Preis gewesen: Es ist Italien. Top Ten sicher. Irgendwo in der Region, wo Marco Mengoni weiland auch war. Fischt ja schließlich auch in den gleichen Gewässern, aber hier finde ich den Song besser.

8/10 (Kinder 8,5 und 8)


Kroatien

In der Mitte des Songs fragte meine Tochter, wie lange es denn noch dauern würde, bis das rum sei. Das ist mindestens mal kein gutes Zeichen. Und sie hatte recht: Der Song ist typischer Balkansülz, nicht besonders schön und nicht besonders originell. Mittelmaß halt. Das Gesamtpaket: Laaaangwaaaaailig. Einzige Ausnahme: Die mehr als seltsame Vorbereitung der Rückung. Obendrein finde ich den Sänger nicht gerade attraktiv, so das man noch nicht mal was zu gucken hat. Kroatien dürfte eins der Länder sein, das den Ausfall des ESc 2020 ganz gut verschmerzen kann. Es ist so unoriginell, das mir nicht mal was Originelles dazu einfällt.

Das wär sein Preis gewesen: Gemütlicher Fernsehabend am Samstagabend.

5/10 (Kinder 4 und 5,5)


Lettland: Samanta Tīna – Still Breathing

Manche Darbietungen kann man nur sehr schlecht beschreiben, man muss sie erleben. Ich versuch es trotzdem. Wir haben: Drei Chorsängerinnen in schwarzen Retro-Badeanzügen, alle haben ein blaues Visier auf und darunter noch eine Maske, soweit ich das erkennen kann. Außerdem haben sie in der Hand eine Flasche mit einer neonpinken Flüssigkeit drin, wahrscheinlich die Droge, die man nehmen muss, um das hier noch zu ertragen. Dazu kommt Samanta, die den gleichen Friseur hat wie Tamara Todevska. Der, äh, Song? Conan Osiris meets Hatari. Dazu folgt Samanta dann der Aufforderung "Wildes Mädchen, schüttel dein Haar für mich" - aber sie schüttelt nicht nur das Haar, sondern auch ihren roten Fransenfummel mit Stofflücken an den falschen Stellen, während die Badeanzüge den Pelvic Thrust aus dem Time Warp in Zeitlupe nachtanzen. Es ist wie ein Auffahrunfall, grauenhaft, aber man kann nicht wegschauen. Immerhin, sie atmet noch, sagt sie zumindest.

Das wär ihr Preis gewesen: Wie gesagt: Conan Osiris meets Hatari. Das ist schon erlesen scheußlich, würde aber Liebhaber finden. Finaleinzug, dort obere rechte Hälfte.

0/10 Kinder: (0 und 2)

Dienstag, 31. März 2020

Lass Dich überraschen, Teil 3

Frankreich; Tom Leeb - The Best In Me

Uiuiuiuiui, das ist aber ein lecker Bürschchen. Und sehr tolle Kulisse im Video. Er steht oben auf der ersten (oder zweiten?) Plattform des nächtlich beleuchteten Eiffelturms, ganz ohne Netz und doppelten Boden und Sicherung. Hoffentlich hat er keine Höhenangst. Das wie seit einigen Jahren üblich zweisprachige Lied ist sehr schön, plätschert aber vor sich hin, und man wird durch die Optik von Sänger und Restvideo doch sehr davon abgelenkt. Das ist mal mindestens gar nicht mal so richtig positiv für das spätere Ergebnis.

Das wär sein Preis gewesen: Rechte Tabellenhälfte. Schnuckelpunkte hätte er schon kassiert, aber das langt üblicherweise nicht.
7 von 10 (davon mindestens 3 für die Optik. Kinder: 4 und 4 - die springen noch nicht auf die Optik an.)


Georgien: Tornike Kipiani - Take Me As I Am

Die Wundertüte des Kaukasus macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre. Wir schwanken noch zwischen seltsam und befremdlich, aber es geht zumindest nicht da rein, da raus. Aber rätselhaft ist es. Ist das jetzt immer derselbe Typ im Video, nur einmal mit Haaren und Bart und einmal ohne? Meine Tochter: "Das sind zwei. Das andere ist ne Frau." Jedenfalls fragt er, why you want him to talk like an Englishman? Ja, warum bitte? Wo er es doch nun wirklich nicht kann? Immerhin, die Kassetten aus dem Video und der Spielzeug-VW-Käfer waren witzig.

Das wär sein (ihr?) Preis gewesen: Wenn schon Finale, dann extrem knapp, aber ich glaube eher, es hätte ihn geschrägt.

3/10 (Kinder 2 und 3)


Griechenland: Stefania - Superg!rl [sic!]

Wow, also DAS nenn ich mal ein gelungenes Video! Die Geschichte ist super erzählt. Stefania gibt uns hier das Supergirl mit übernatürlichen Fähigkeiten, das dadurch zum Star wider Willen wird und ihre Liebe findet. Das Lied ist in den Strophen leider etwas schwach auf der Brust, der Refrain und die nölige Geige (oder was auch immer das für ein Streichinstrument ist) reißen es aber raus. Die Geigeoderwasauchimmer gibt dem Ganzen denn auch einen hinreichend griechischen, eigenständigen Touch. Daumen hoch von uns!

Das wär ihr Preis gewesen: Mit einer ansprechenden Inszenierung, wovon man bei den Griechen ja eigentlich immer ausgehen kann, Top-10-Kandidatin.

7/10 (Kinder: 7 und 7)


United Kingkong: James Newman - My Last Breath

Ich habs GEWUSST! Irgendwann kommt der Moment, wo der Vorjahressieger kopiert wird. Voilà. Wir erinnern uns, dass Duncan Laurence weiland splitternackt im Wasser trieb, was ihm ja bekanntlich nicht geschadet hat. Da dachte man sich im Mutterland der Popmusik, machen wir das doch auch. Aber wir setzen noch einen drauf, wir nehmen gleich gefrorenes Wasser. Duncan hatte keine Zeit, da hat man ein etwas älteres Semester genommen und ihm sicherheitshalber Badeshorts und eine Käppi angezogen. Jetzt läuft er also halbnackt (!) und barfuß (!!) mit seinem Hund durch den Schnee (!!!). Ich hoffe, dass der nicht mit auf die Bühne gedurft hätte (also der Mann, nicht der Hund, der darf ja eh nicht). Das Lied? Uff, da muss ich meine grauen Zellen jetzt aber echt anstrengen. Joo, war besser als die letzten Jahre, aber das heißt ja nix. An den Sänger kann ich mich absolut nicht mehr erinnern. Konnte er singen? Hatte er Ausstrahlung? Mer waaß es net. WAS muss man Ed Sheeran eigentlich zahlen, damit er endlich beim ESC mitmacht?

Das wär sein Preis gewesen: Ohne den nackten Mann: Letzter im Finale. Mit dem nackten Mann: Allerletzter im Finale.

4/10 (weil mir der Song als nicht unangenehm in Erinnerung geblieben ist. Kinder: 3 und 4)


Irland: Lesley Roy - Story Of My Life

Das hier, das hat was. Im Video wird exzessive Celebration von Diversity betrieben, und dazwischen hüpft die fröhliche, frische Lesley Roy und singt uns die Story ihres Lebens vor. Das Lied ist genauso erfrischend wie seine Interpretin. Das Ganze erfindet das Rad nicht neu, aber es macht Spaß und ist mit Sicherheit einer der besseren irischen Beiträge der letzten Jahre. Da die Iren zuweilen bei der Inszenierung von guten Beiträgen auch ein entsprechendes Händchen haben, wäre sie wohl zweimal aufgetreten.

Das wäre ihr Preis gewesen: Wie gesagt: Zwei Auftritte. Im Semi vom Televoting gerettet, am Samstag dann um Platz 17.

8/10 (Kinder: 7,85 und 8 minus)

Samstag, 28. März 2020

Lass Dich überraschen, Teil 2

Bulgarien: VICTORIA - Tears Getting Sober

Die kleine Schwester von Victoria Beckham sitzt mitten in Phantasien auf einer Bank und singt von ihren Tränen, die wieder nüchtern werden sollen. So gesehen hat das ja gigantisches Identifikationspotenzial. Wir kennen das ja alle: Bei Kummer knallt man sich die Birne zu und dann aber Wasser marsch! Sie macht das auch ganz gut, süß ist sie auch, der Song ist auch schön. Es fehlt mir persönlich allerdings ein bisschen der Wumms. Führte bis zur Absage der Show bei den Bookies. So weit würde ich jetzt nicht gehen wollen.
Warum schreibt sie sich eigentlich in Großbuchstaben? Brüllt sie uns mit ihrem Namen an? Victoria, die Siegreiche?

Das wär ihr Preis gewesen: So außergewöhnlich, dass es auf jeden Fall ins Finale gekommen wäre und seine Stimmen auch gesammelt hätte. Als Sieger hätte ich es aber nicht gesehen. Vermutlich untere Final-Top-Ten.

7/10 (Kinder: 7 und 8)


Dänemark: Ben & Tan - Yes

Dänische Beiträge und ich, das ist ja immer so eine Sache. Wenn mir mal einer gefällt, was so ungefähr alle hundert Jahre vorkommt, gefällt er niemand anderem. In diesem Jahr ist es mal wieder soweit: Zwei Menschen, die optisch so gar nicht zusammenpassen wollen (ein Knabe im Karoanzug mit Braver-Buben-Frisur und suboptimal ausgeleuchteter Sehhilfe trifft eine hübsche Frau in Overknees und auch ansonsten knappen Klamotten singen einen schmissigen Song, der mich sofort abholt und mir auch nach dem Hören noch im Ohr ist. Das ist weit mehr, als man von den meisten anderen sagen kann. Daumen hoch!

Das wär ihr Preis gewesen: Das Finale hätten sie meiner Meinung nach bombensicher geknackt. Daselbst knapp Top 15.

8/10 (Kinder: 7 und 8)


Deutschland: Ben Dolic - Violent Thing

Es ist so bitter: Da hat der NDR sich endlich mal die Kritik zu Herzen genommen. Hat sich hingesetzt, gehirnt, eine Menge Geld in die Hand genommen und ein richtig gutes Paket geschnürt. Alles riskiert und eigentlich alles gewonnen. Aber dann kam die Absage der Show. Das hier ist der beste deutsche Beitrag seit "Taken by a Stranger" (ja, ich bin nach wie vor kein Fan von Herrn Schulte!) und hätte bei entsprechender Inszenierung in Rotterdam abgeräumt. Unglaublich schade. Ich hoffe, dass Ben Dolic darauf aufbauen kann. Ich bin zugegebenermaßen nicht unbedingt die Zielgruppe des Beitrags, auch ist mir die Stimme tendenziell zu hoch, aber Herrschaften: Das ist gut.

Das wär sein Preis gewesen: Top 10 im Finale auf jeden Fall möglich, eventuell sogar noch mehr.

7/10 (Kinder: 6 und 9)


Estland: Uku Suviste - What Love Is

Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn einen irgendwelche Gimmicks vom Lied ablenken. In diesem Falle waren es die Kerzen auf dem Boden. Wie haben sie das gemacht? Wir mussten uns direkt den Anfang nochmal anschauen, um hinter den Trick zu kommen. Aber mehr als die Kerzen war ja eigentlich auch nicht drin. Uku ist jetzt nicht unbedingst der Welt größter Sympathieträger, er singt das ganz ordentlich, aber das ist nicht mehr als Füllstoff für sein Semi. Nun gut, für IRGENDWEN muss die Absage des ESC 2020 ja auch Vorteile haben.

Das wär sein Preis gewesen: Wie gesagt: Semi-Füllmaterial. Samstagabend vor dem Fernseher ist ja auch was Schönes.

6/10 (weil man es sich gut anhören kann und weil ich Kerzen mag - Kinder: 5 und 5)


Finnland: Aksel Kankaanranta - Looking Back

Wenn man sich mal überlegt, was für grandiose Beiträge dieses Land schon zum ESC geschickt hat (auch wenn die nicht immer honoriert wurden), da kann man im Moment nur noch das kalte Grausen kriegen. Aksel bedient die Nische des dicken Versicherungsvertreters, allein, man hat was vergessen: Wenn man so jemanden schickt, dann muss einen die Stimme komplett wegfegen, was sie in diesem Falle nicht tut. So ist es einfach nur langweilig. Dazu kommt, dass seine Klamotten gar nicht mal so richtig sitzen (Hochwasser-Hose und Capri-Ärmel vom Sakko). Ähm? Nein.

Das wär sein Preis gewesen: Auch er hätte wohl den Samstag vor der Glotze verbracht.

5/10 (Kinder: 4,5 und 4,45)

Donnerstag, 26. März 2020

Lass Dich überraschen, Teil 1

Albanien: Arilena Ara - Fall From The Sky

Sie singt davon, dass sie "destined to fly" ist, was bei dem Nachnamen ja kein Wunder ist. Wenn ich hintenrum heißen würde wie ein Papagei, würde ich auch fliegen wollen. Ansonsten liefert Albanien wieder mal seine Kernkompetenz: Schöne Frau kreischt sich mit einem sperrigen Song die Seele aus dem Leib - soviel zum Thema "Screaming inside". Die Dame is definitiv screaming outside. Guuut, es ist jetzt nicht soooo schleeeecht, man kann sichs anhören, aber es ziiiieht sich.
Lieber Eugent Bushpepa, hast Du eigentlich im Mai 2021 schon was vor?

Das wär ihr Preis gewesen: Knapper Finaleinzug, daselbst dann auf den hinteren Plätzen.
5/10 (Kinder: 5 und 5)


Armenien: Athena Manoukian - Chains On You

Ach, der Schatten der Eleni Foureira reicht weit, weit, weit. Viele versuchen es in diesem Schatten, so auch diese junge Dame hier, allein, sie kann es nicht. Sie hat weder die Ausstrahlung noch die (ohnehin schon dünne) Stimme der Foureira. Dat is doch nix. In grottigem Englisch wird hier über Diamanten salbadert (dabei trägt sie doch Perlen) und darüber, dass sie es an die Spitze bringen will.  Vom Rest des Textes hab ich nicht allzu viel verstanden. Liebsteken, an die Spitze hättest Du es damit vermutlich nicht gebracht. Der Song? Mach weg, nächster.

Das wär ihr Preis gewesen: Nach zweimal Semi-Aus (von denen mindestens anderthalb unverdient waren), hätte es in diesem Jahr die Inszenierung schon gerichtet. Mehr ist ja auch nicht dran.

2/10 (Kinder: 2 und  2)


Aserbaidschan: Samira Efendi - Cleopatra

Drei Minuten können so verdammt lang sein. Man versteht kein Wort, außer "and it sounds like this". Das, nach was es da soundet, hat uns erstmal aus den Schuhen gekippt. Die Dame ist mit einigen anderen Damen und Herren in der Wüste und umtanzt Autos. Vom Song hab ich außer "Lalalala lalalala lalalala, la Cleopatrrra" nichts mitgenommen. Mach das bitte auch weg. Wenn es schon Cleopatra beim ESC sein soll, dann sei an dieser Stelle auf den besten griechischen Beitrag aller Zeiten verwiesen.

Das wär ihr Preis gewesen: Herrgott, ja es ist Azedaze. Die Schmach eines erneuten Semi-Aus hätte die Inszenierung dann schon erfolgreich verhindert.

2/10 (Kinder: 3 und  3)


Australien: Montaigne - Don't Break Me

Ein grenzdebil rumzappelnder Clown, stimmlich ein Totalausfall, jault praktisch die ganze Zeit nur "Don't break me". Also mal abgesehen davon, dass ich Clowns leidenschaftlich hasse: Liebe Australier, Ihr habt doch nun wirklich eine geniale Musikszene. Was bitte sollte das? Wie kann man sich für sowas entscheiden? Waren die anderen alle noch schlechter, oder was war los? "I can't stand it any more." Ich auch nicht, Schätzchen, ich auch nicht.

Das wär ihr Preis gewesen: Der mit Abstand schwächste australische Beitrag hätte die Immer-Weiterkomm-Strähne krachend beendet.

3/10 (Kinder 2 und 2)


Belgien: Hooverphonic - Release Me

Hooverphonic! In dem Moment, wo klar war, dass die Belgien vertreten sollen, hab ich angefangen zu hyperventilieren. Das konnte doch nur gut werden. Okay, es ist nicht so ein Brett wie das legendäre "Sometimes", aber sehr, sehr schön. Sehr sanft, sehr melancholisch, das lassen wir uns alle gern gefallen.

Das wär ihr Preis gewesen: Entweder linke Hälfte im Finale oder Schock-Aus im Semi. Dazwischen gibt es nichts. Beiträge dieser Strickart fallen gern mal unter den Tisch, allein, da sei in diesem Falle die Bekanntheit der Künstler vor.

8/10 (Kinder 6 und 6)

Wir lassen uns das Lästern nicht verbie-ten!

Tja, Ihr lieben Menschen da draußen, Ihr habt es alle mitbekommen: Unser aller liebste, tollste, schönste, beste Fernsehsendung von draußen ist dieses Jahr gecancelt. Is nich. Gibt kein Eis. Ein Jahr ohne ESC, das erste Mal seit Bestehen desselben.

So sehr das schmerzt und so bitter das für alle Beteiligten ist, ist das aus jetziger Sicht sicher die richtige Entscheidung gewesen. Was es bringt, werden wir noch sehen. Einstweilen hoffe ich, dass es Euch da draußen allen gut geht und dass Ihr bisher vom Coronavirus verschont worden seid und das auch so bleibt. Bleibt bitte alle gesund, das ist im Moment das Wichtigste.

Wie es so meine Gewohnheit ist, hab ich mir das Anhören und Anschauen der Beiträge auch in diesem Jahr aufgespart, bis alles feststeht. Aus jetziger Sicht kann ich nur sagen: Eine selten dämliche Entscheidung. Ich mach es nächstes Jahr wieder so. Aber was soll man jetzt belästern, wenn es doch alles nur Makulatur ist? Ich glaub, ich lasse das und mache nächstes Jahr wei- äh, was?

Das geht aber gar nicht? Was wäre ein Eurovisionsjahr ohne unsere fachkundefreie Verurteilung? Das wär ja wie ein Melodiefergevaltigen ohne 4-Chord-Song, wie Alexander Rybak ohne Geige, wie Verka ohne Stern?

Jepp. Genau das haben meine Kinder auch gesagt, sie drängeln mich seit Tagen,  dass wir uns den Jahrgang jetzt endlich mal geben. Und wer wäre ich, mich den Wünschen meiner Kinder zu verschließen?

Also, gehn mer's an. Oder, um es mit den Worten eines einstmaligen niederländischen (!) Eurovisionsteilnehmers zu sagen: "Lass Dich überraschen!"