Sonntag, 14. Juni 2026

Der ESC 2026 in der Rückschau: Platz 11-15

Wäre das hier Bundesliga, könnte man sagen, man beträte jetzt das Niemandsland der Tabelle. Also langweilig. Beim ESC ist hier original gar nichts langweilig, denn von den fünfen, die wir hier besprechen, habe ich lediglich zwei auch in dieser Region erwartet.  


15. Kroatien (124 Punkte (Jury: 53 Punkte (Platz 16), Televoting: 71 Punkte (Platz 12)), 

    im Semi: Platz 6, 175 Punkte (Jury: 85 Punkte (Platz 5), Televoting: 90 Punkte (Platz 6)))

Einer der beiden ist der kroatische Beitrag, obwohl der dieses Jahr zu meinen absoluten Top-Favoriten gehört. Aber der Beitrag ist halt speziell und dürfte ordentlich polarisieren, soll heißen, entweder liebt man den oder man hasst ihn, dazwischen gibt es vermutlich relativ wenig. Im Semi gab es noch das eine oder andere Problem, nicht zuletzt eine Stelle im Schnelldurchlauf, wo man auf der linken Seite nur noch eine große Flagge sah und sonst nichts, auch gesanglich war die Leistung im Finale bedeutend besser. Aber egal, sie haben es geschafft und das vollkommen zu Recht, und sind meiner Meinung nach für so einen nischigen Beitrag mit Platz 15 angemessen entlohnt worden.


14. Norwegen (134 Punkte (Jury: 115 Punkte (Platz 9), Televoting: 19 Punkte (Platz 15)), 

    im Semi: Platz 4, 206 Punkte (Jury: 109 Punkte (Platz 3 (!!)), Televoting: 97 Punkte (Platz 5)))

Erstaunt hat mich hingegen die Platzierung für Norwegen. Das hätte ich gar nicht erst im Finale erwartet, aber, liebe Jurys: Platz 3 im Semi? Vor Bulgarien, vor Rumänien, vor Tschechien? Platz 9 im Finale? Könnte ich das mal bitte erklärt bekommen? Sonst werde ich es nämlich im Leben nicht verstehen. Ja, der Song ist rein audio ganz nett (im Sinne von: kleine Schwester von Ihr wisst schon wovon), die Bühnenshow erzeugt bei mir aber nach wie vor akute Fremdscham, und insbesondere im Finale saß kein einziges "GOOOOO" in der Tonhöhe dort, wo es sitzen sollte. Da fand ich die 19 Televotingpunkte schon deutlich angebrachter. Mit 19 Televoting-Punkten auf Platz 15 ist auch schon ne Leistung. Anyway, das hier hat offensichtlich bei den Jurys Liebhaber gehabt. Verstehen muss ich das nicht. Tu ich auch nicht.


13. Albanien (145 Punkte (Jury: 60 Punkte (Platz 11), Televoting: 85 Punkte (Platz 10)), 

    im Semi: Platz 7, 158 Punkte (Jury: 45 Punkte (Platz 7), Televoting: 113 Punkte (Platz 3)))

Auch Albanien hatte ich nach dem Semi in etwa in dieser Region erwartet, aber wenn man das Potenzial dieses Songs hernimmt, ist das eigentlich eine Enttäuschung. Der ist nämlich glasklares Top-Ten-Material. Drei Dinge haben das verhindert: Zum einen die Untertitel. Völlig überflüssig und dann im Semi auch noch in quietschgelb und einem völlig unprofessionell wirkenden Schrifttyp (warum nicht gleich Comic Sans?) eingeblendet. Zum Glück hat man das fürs Finale noch mal angepasst, aber besser wäre es gewesen, die Untertitel komplett wegzulassen. Der Song wirkt auch so, und die Untertitel haben da eher geschadet. Zum zweiten die direkt am Anfang groß eingeblendete Frau im Backdrop. Warum?! Und zum dritten: Die Sonnenbrille. Auch wieder: Warum?! Als die "Mutter" auf der Bühne, die ich übrigens längst nicht so unangenehm fand wie die im Backdrop, ihm die Sonnenbrille abgenommen hat, konnte man sehen, was das eigentlich für ein hübscher Kerl ist und vor allem, wie jung der noch ist. Warum nicht komplett ohne Sonnenbrille? Schade, da wäre echt mehr drin gewesen.


12. Polen (150 Punkte (Jury: 133 Punkte (Platz 7), Televoting: 17 Punkte (Platz 16)), 

    im Semi: Platz 2, 247 Punkte (Jury: 137 Punkte (Platz 1 (!!)), Televoting: 110 Punkte (Platz 4)))

Wenn mir jemand vor oder unmittelbar nach dem ESC-Finale gesagt hätte, dass Polen im ersten Semi das Juryvoting gewonnen hat, hätte ich ihn vermutlich für verrückt erklärt. So richtig fassen kann ich das auch immer noch nicht. Erstens wurde Polen erst ein einziges Mal von der Jury weitergelassen, und zweitens und wichtigerens: Warum?! Okay, Alicjas Gesang war super, das muss man neidlos anerkennen, das klang im Semi genau wie im Finale praktisch wie die Studioversion. Auch die Inszenierung mit der schiefen Ebene war sehr clever. Aber: Der Song. Jurys, Ihr solltet auch den Song bewerten! War das wirklich das beste Gesamtpaket im ersten Semi? Ich werde alt und zynisch, ich merks schon. Und über Alicjas Oberteil schweigt der Chronistin Höflichkeit, wiewohl es dazu jede Menge zu sagen gäbe. Na ja, nächstes Mal.


11. Frankreich (158 Punkte (Jury: 144 Punkte (Platz 4), Televoting: 14 Punkte (Platz 18)))

Eine unerwartete Platzierung ganz anderer Art gab es für die Franzosen, denn die waren eigentlich im erweiterten Favoritenkreis auf den Gesamtsieg. Operngesang hat ja schließlich in der Vergangenheit schon zweimal funktioniert, warum nicht ein drittes Mal? Das Juryergebnis war ja dann auch ganz gut, nur mit dem Televoting hat es so gar nicht geklappt. An Monroe lag es nicht, die hat wirklich eine völlig wahnsinnige Stimme, zumal für ihr junges Alter, und hat den Song mit Anmut und Verve performt. Aber wahrscheinlich war das für die breite Masse dann doch zu nischig bzw. haben die Leute keinen Bock mehr auf Oper. Und, vielleicht nicht völlig unwichtig: Vielleicht war der Song dann doch nicht das richtige für eine 17jährige ... nur so ein Gedanke.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Der ESC 2026 in der Rückschau: Platz 16-20

20. Schweden (51 Punkte (Jury: 35 Punkte (Platz 21), Televoting: 16 Punkte (Platz 17)), 

    im Semi: Platz 9, 96 Punkte (Jury: 79 Punkte (Platz 7), Televoting: 17 Punkte (Platz 13 (!!))))

Puh. Puh, puh, puh. Man muss 16 Jahre zurückgehen, um für Schweden mal eine vergleichbare Klatsche zu finden. Wenn es nach dem Publikumsvoting im Semi gegangen wäre, hätte Felicia das Finale gar nicht von innen gesehen. Mal wieder Schwein gehabt. Dabei hätte man gewarnt sein müssen: EDM und ESC - das funktioniert hinten und vorne nicht. Dazu kam das rote Lackleder, wozu ich gern Chris Harms zitieren möchte: "Ganz ehrlich, Leute? Roter Lack? Beim ESC? Das macht man nicht. Wird letzter Platz." Roter Lack hat noch nie jemandem geholfen. Die Zeile "I am a desaster, I just need to fix myself for real" auch nicht. Was aber noch weniger geholfen hat, war die Maske. Der Grund dafür (psychische Probleme, Maske ist ein Schutzschild) ist natürlich zu akzeptieren, aber ganz ehrlich: Musste es unbedingt ein Mundschutz sein? Sie trägt den noch nicht so lange, dass ihr nicht bewusst sein kann, dass das JEDEN an Corona erinnert. Und wer will daran schon gern erinnert werden? Dann lieber diese Augenmaske vom Ende der Performance, das hätte vermutlich weniger abschreckend gewirkt. Ansonsten war das Staging sehr gut, auch wenn die Albaner angerufen haben und ihre Farben zurückwollen. Der Song könnte auf jeder Kirmes im Autoscooter laufen, ohne zu stören. Gesanglich gehörte sie dieses Jahr ganz sicher nicht zu den Klassenbesten, aber man kann nicht alles haben. Und weil die Schweden das wissen, haben sie einen sehr cleveren Ausschnitt im Schnelldurchlauf gewählt. Nicht dass es jetzt wirklich was genützt hätte ... Egal, ich hoffe, man hat sie nach ihrem Abschneiden nicht in der Luft zerrissen. Sowas verdient nämlich keiner.

Ach ja, da war ja auch noch was mit "The Model". Schweden gewinnt?! KI halt. Einmal im Leben mal so ein Selbstbewusstsein haben, um derart schamlos und überzeugend so einen Quark zu erzählen ...


19. Zypern (75 Punkte (Jury: 41 Punkte (Platz 18), Televoting: 34 Punkte (Platz 14)), 

    im Semi: Platz 10, 122 Punkte (Jury: 47 Punkte (Platz 10), Televoting: 75 Punkte (Platz 8)))

Nachdem ich die Berichte über den Auftritt in der Semi-Juryshow gelesen hatte, schwante mir ja schon Schlimmes, und ich habe Zypern auch nicht ins Finale getippt. Das war aber auch ziemlich enttäuschend: Antigoni hatte sich im Laufe der Saison schon als versetzungsgefährdet erwiesen, was die stimmliche Leistung angeht, aber auch sonst kam für mich bei dem Auftritt verhältnismäßig wenig rüber. Sie tanzte auf einem Monstrum von Tisch und wurde dabei zumeist neben dem Tisch von ihren Tänzerinnen umtanzt. Sagen wir mal so: Ohne diesen Riesentisch wäre das entschieden besser gewesen. Man hätte ja einen kleinen Tisch nehmen können, mehrere kleine Tische, alles wär besser gewesen als das Ding. Außerdem wirkte die Bühne für so einen "das ganze Dorf feiert"-Song seltsam leer. Warum nicht ganz ohne Tisch und dafür im Hintergrund eine LED-Wand, auf der die Dorfbewohner tanzen? Dazu kam, dass Antigoni auf dem Papier eigentlich Fraktion "Slay Queen" ist, aber da war nix "Queen" und schon gar nix "Slay". Die Bühnenpräsenz, die ich mir eigentlich von ihr erhofft hatte, hatte sie schlicht nicht. Dafür war sie aber sehr kunstvoll ausgezogen und hat vermutlich sämtlichen in Wien verfügbaren Selbstbräuner aufgebraucht - oder woher kam diese Farbe? Von der zyprischen Sonne? Und: woher kam der Glanz auf ihrem Bauch? Sonnenöl? Hat mich total abgelenkt. Schade, da wäre echt mehr drin gewesen.


18. Malta (89 Punkte (Jury: 81 Punkte (Platz 11), Televoting: 8 Punkte (Platz 21)), 

    im Semi: Platz 8, 143 Punkte (Jury: 84 Punkte (Platz 7), Televoting: 59 Punkte (Platz 10)))

Hach, so ein richtig hemmungsloser Kitschfetzen dann und wann als Guilty Pleasure ist doch irgendwie schon was Schönes. Mich hat das jedenfalls erreicht, im Semi sogar noch ein kleines bisschen mehr als im Finale. Ob man jetzt diesen Riesenpavillon auf der Bühne wirklich gebraucht hätte, sei mal dahingestellt, ich fand zum Beispiel die Rosenblätter beim maltesischen Finale viel überzeugender als die Projektion auf die Pavillonwand. Falls Ihr Euch fragt, ob ich jetzt bei jedem Riesenprop rummeckere - ja. Könnte sein, dass ich das mache. Müsst Ihr jetzt durch. Anyway, Aidan lieferte uns die volle Dröhnung seines beträchtlichen Charmes, sang und performte das Ganze sehr souverän und kam natürlich hochverdient ins Finale. Dort war die Konkurrenz allerdings ein paar Nummern heftiger als im Semi, so dass da nicht mehr irre viel zu holen war. Trotzdem, das war ein schöner Farbtupfer im Feld!


17. Serbien (90 Punkte (Jury: 38 Punkte (Platz 19), Televoting: 52 Punkte (Platz 13)), 

    im Semi: Platz 5, 187 Punkte (Jury: 56 Punkte (Platz 9), Televoting: 131 Punkte (Platz 3)))

Einen ganz anderen Farbtupfer lieferten dieses Jahr die Serben. Ein sehr (sehr!) nischiger Song, martialische Kostüme, Bandsetting, ein (später brennendes) Kreuz als Mikrofonständer und viel, viel, viel Pyro. Kann man so machen, zumindest das war alles konsequent zu Ende gedacht. Ich hab mich aber speziell im Semi gewundert, warum der Gesang so vergleichsweise schwach klang. War da irgendwas falsch abgemischt? Erklärlich ist mir das nicht. Worum es ging, habe ich sowieso nicht ganz verstanden, der Leadsänger schien jedenfalls ziemlich zu leiden und hat abwechselnd geklagt und gegrowlt. Warum hatte ich trotzdem das Gefühl, dass da beim Gesang noch irgendwo eine Handbremse angezogen war? War das mal wieder nur ich? Egal, mit Platz 17 ist der Beitrag da eingelaufen, wo man ihn auch ungefähr erwarten konnte. Mehr kann man nicht verlangen.


16. Tschechien (113 Punkte (Jury: 104 Punkte (Platz 10), Televoting: 9 Punkte (Platz 20)), 

    im Semi: Platz 9, 142 Punkte (Jury: 108 Punkte (Platz 4), Televoting: 34 Punkte (Platz 12)))

Dass es im Finale ein Problem mit einer Kamera gab (Streifen auf dem Bild, das zwischendrin sogar mal für ein paar Sekunden einfror), sollte nicht passieren, kann aber passieren. Die Tschechen legten Protest bei der EBU ein, der wurde aber abgelehnt, da Daniel während seines Auftrittes nichts davon mitbekommen hatte. Dass die EBU nun allerdings ein Video OHNE diese Streifen eingestellt hat, was auch immer das für eins ist und wo das herkommt, finde ich mindestens mal merkwürdig. Aber gut. Wir können nicht sagen, ob es den Tschechen ein paar mehr Televotingpunkte eingebracht hätte, hätte Daniel noch mal auftreten dürfen. Zumindest wäre er dann nicht unmittelbar vor Bulgarien dran gewesen. Dabei war er soooo gut, da saß jeder Ton, da saß alles, ich hab ihm alles abgenommen, er hätte mir seine Spiegel verkaufen können und ich hätte sie sofort genommen. Allerdings war der Song auch sehr artsy - muss man mögen, ist sicherlich nicht für jeden. Ich fühlte mich stellenweise an Ryk erinnert, allerdings ist Daniel nicht so unnahbar, super cute und noch mal deutlich stimmgewaltiger. Es ist immer ein toller Effekt, wenn so ein schmächtiges Kerlchen ankommt und dann SO singt. Wie gesagt, das ist nicht für jeden. Aber für mich. Kamerapanne hin, artsy her, ich fand Song und alle Auftritte absolut fantastisch und habe das in meiner Jahrgangs-Top-4! So!