Donnerstag, 3. April 2025

Eurovisionsklasse 2025, Teil 3

Weiter gehts mit der zweiten Hälfte des ersten Semis. Sorry, dass das hier dieses Jahr so schleppend geht, ich hab gerade viel um die Ohren und generell etwas Schwierigkeiten, den Hintern hochzukriegen. Aber wat mutt, dat mutt:

 

8. Norwegen: Kyle Alessandro - Lighter

Bevor wir hier einsteigen, verdrücke zumindest ich erstmal ein kleines Tränchen für die Bobbysocks und vor allem für WigWam. Die hätte ich echt gern in Basel gesehen. Statt der kampferprobten Junggebliebenen kriegen wir aus Norwegen den Junior des heurigen Feldes, ein sehr niedliches Kerlchen (dem würde ich sofort einen heißen Kakao kochen) in einem tollen Rüstungsoutfit, guter Stimme, viel Pyro und einem ganz okayen Song. Mit Sicherheit ist das eins der besseren Angebote in diesem Semi. Allerdings fehlt uns noch irgendwas, ohne dass wir den Finger darauflegen könnten, was das ist. Der Schluss ist allerdings super. Nächstes Jahr dann WigWam mit den Bobbysocks, ja? 

Chancen aufs Finale: Chancen ja, aber längst nicht sicher durch.

Oslo 2026: Nope.

7/10 (Kinder 7 und 7)


9. Belgien: Red Sebastian - Strobe Lights

Oh guck an, der sieht aus wie der junge Sebastian Krumbiegel (vielleicht deshalb der Name?) mit ganz vielen Ohrringen. Wenn er den Mund aufmacht, merkt man aber, dass da stimmlich bis zu Krumbiegel doch noch einiges fehlt. In den Tiefen ist es etwas dünn, die Höhen hat er gut drauf, aber irgendwie sagt mir die Stimme leider so gar nicht zu. Und bitte entfernt alle Epileptiker aus dem Raum, bevor das hier losgeht! Der Song ist super gemachter Elektropop, bei dem wir leider mal wieder zu Geschmacksgeisterfahrern werden. Es erreicht uns so überhaupt nicht. Wir erkennen aber die Qualität an. An der Bühnenshow würde ich allerdings noch was machen, trotz der Kameraführung sind mir die ersten zwei Drittel, wo er allein auf diesem Podest steht, zu statisch. Mit den Tänzern wird es dann besser. 

Chancen aufs Finale: Wenn sie es nicht völlig versemmeln (hallo Mustii!), dann ist das bombensicher durch.

Brüssel 2026: Sagen wir mal so: Bei der Siegerwette stehen sie ziemlich weit oben. Ich würde es nicht komplett ausschließen wollen.

5/10 (Kinder 4 und 5)


10. Aserbaidschan: Mamagama - Run With U

Ach du Heimatland. Ich kenn ja nur das offizielle Video, und in dem wird mit jeder Menge Mätzchen vom Song abgelenkt. Was machen die da? Spielen die die wichtigsten Szenen aus "Frankenstein" nach? Das erzeugt eine gewisse, wie sag ich das jetzt, Fallhöhe für die Inszenierung. Was wollen die machen? Irgendwelche toten Leute auf der Bühne mittels Elektroschocker zum Leben erwecken? Oder wenigstens irgendwas mit Robotern? Nun, immerhin wird man durch das Lied nicht vom Video abgelenkt, das hat zwar viel Bzzz bzzzz, ist aber ansonsten dahinplätschernder Radiopop, gesungen von einer für meine Ohren äußerst unangenehmen Stimme. Nee, dat is nix für uns! Und: Wenn man sich schon Mamagama nennt, dann muss da auch was kommen!

Chancen aufs Finale: Ich seh es Stand jetzt klar draußen, aber was weiß ich schon?

Baku 2026: Geh weg.

4/10 (Kinder 3 und 3)


11. San Marino: Gabry Ponte - Tutta L’Italia

Da staunen die Fachleute, und die Laien wundern sich. Eigentlich wähnte man ja San Marino für immer und ewig auf verlorenem Posten, was den ESC angeht, und dann bringen sie sowas. Möglicherweise der beste und aussichtsreichste Song, den San Marino je geschickt hat, die Quetschkommode ist supereingängig, und den Refrain kann sofort jeder mitsingen (die Meinung hab ich allerdings in unserer Runde exklusiv, die Kinder finden alles schrecklich - aber was wissen die schon?). 12 Punkte aus Italien können sie schon mal einplanen. Allerdings, und jetzt kommt die Kehrseite der Medaille: Sängerisch sowie in Sachen Tonabmischung und Inszenierung muss bis zum ESC noch was passieren. Wenn sie das in den Griff kriegen, könnte (und wird) es San Marinos bestes Ergebnis beim ESC werden - trotz der Tatsache, dass wir hier einen DJ-Beitrag haben, die es beim ESC meistens sehr schwer haben.

Chancen aufs Finale: Nach allen geltenden Eurovisionsgesetzen muss das zwingend ins Finale. Ich hoffe, sie stehen sich nicht wieder selbst im Weg.

Serravalle 2026: Das halte ich dann doch für zu hoch gegriffen.

8/10 (Kinder 3,5 und 4,5)

Dienstag, 1. April 2025

Eurovisionsklasse 2025, Teil 2

5. Ukraine: Ziferblat - Bird of Pray

Das ESC-Powerhouse mal ganz, ganz anders. Der Song ist megaspannend, aber nix für zum Nebenbeihören. Wir haben gleich am Anfang sehr hohen Gesang, wie man ihn sonst unter anderem von Frau Steczkowska kennt. Dazu kommt ein wilder Ritt durch die Harmonien, was sich eigentlich normalerweise eher die Georgier leisten, die damit bis dato noch jedes einzelne Mal abgeschmiert sind. Es wird sehr spannend werden, wie die Ukraine damit fährt. Im Gegensatz zu allen anderen Beiträgen, die sie bisher geschickt haben, hat dieser nicht die Absicht, schnell und leicht ins Ohr zu gehen. Immer wenn man denkt, jetzt hat sich der Song eingegroovt, kommt wieder was Neues. Es ist sehr besonders, wir sind uns nur noch nicht sicher, ob es auch gut besonders ist. Künstlerisch ist es auf jeden Fall sehr hochwertig und ein maximaler Kontrast zu den Esten davor. Das dürfte "Birds of Pray" strahlen lassen. Und: Die Blumenwiese finde ich entzückend und möchte sie auch in Basel sehen!

Chancen aufs Finale? Ukraine kommt immer ins Finale, wird aber in diesem Semi zu kämpfen haben, um in die obere Hälfte der Top 5 zu kommen. Oder sie schaffen ein solches Momentum, dass sie das Semi gewinnen. Ach, ich weiß es doch auch nicht.

Kyiv 2026? Nun, ich fürchte, egal, was kommt, Kyiv wird es auf keinen Fall aus bekannten Gründen. Aber vermutlich wird man sich keinen Kopf machen müssen, wer für Kyiv einspringt.

6/10 (Kinder 5,5 und 6,75)


6. Schweden: KAJ - Bara bada bastu

Es gibt so Beiträge, da weißt du ab dem ersten Ton, dass das großartig ist. So einen Beitrag haben wir hier. Drei Kerls braten Würstchen vorm Feuer, einer hat eine Quetschkommode, und dann singen sie ein frisches, lustiges Loblied auf die Sauna, yksi, kaksi, kolme inklusive. Ich verstehe zwar kein Wort, denn zum ersten Mal seit 1998 singt Schweden wieder in Landessprache. Allein das muss man schon feiern ohne Ende. Zum Refrain kommen vier Leute in Holzfällerhemden dazu, und es wird um den Holzstapel getanzt. Trotz mangelnder Schwedischkenntnisse kann man sofort mitsingen. Zur zweiten Strophe wird der Stapel umgekippt und zur Saunabank umfunktioniert, und zum zweiten Refrain haben die Holzfäller ihre Hemden gegen Saunatücher getauscht. Das macht einfach von der ersten bis zur letzten Sekunde Spaß. Obwohl wir normalerweise nicht schwedophil sind, hätten wir das gerne als Sieger, danke, nächstes Jahr dann wieder in Sverige!

Chancen aufs Finale? Es würde mich extrem wundern, wenn das das Semi nicht gewinnt.

Stockholm 2026? Ach, Stockholm hatten wir doch schon dreimal. Malmö auch, die wollen nach letztem Jahr ja eh nicht mehr. Wie wärs für nächstes Jahr mit Göteborg? Mit Sundsvall? Mit Uppsala? 

10/10 (Kinder 9 und 8,5)


7. Portugal: NAPA - Deslocado

"Deslocado" heißt übersetzt "Fehl am Platz", zumindest wenn man der allwissenden Müllhalde glauben darf. Und dieser Songtitel hat schon fast was Prophetisches, denn nach Schweden hat dieser Beitrag amtlich die A-Karte gezogen. Dabei finden wir den Song echt schön. Kommt sehr balladig daher und ist vermutlich leider viel zu unauffällig, um was zu reißen. Anscheinend gab es in der portugiesischen VE Besseres bzw Spektakuläreres, das kann ich nicht beurteilen, weil ich die VE nicht gesehen habe. Aber nun ist es, wie es ist. Da es auf Portugiesisch ist, verstehen wir kein Wort. Trotzdem kann ich mir das besser anhören als so einiges andere. Nur das übertriebene Grimassieren sollte der Sänger noch einstellen (Kerl, Du bist doch kein Breitmaulfrosch!), und über die Bühnenklamotten sollte man auch nochmal reden.

Chancen aufs Finale? Vermutlich keine. Leider.

Lissabon 2026? Nein.

8/10 (Kinder 7,5 und 7,5)



Eurovisionsklasse 2025, Teil 1

1. Island: Væb - Róa

Na, das geht ja schon gut los. Am Anfang fühlt man sich ein wenig an den Stil von Santiano erinnert, zumindest, bis der Gesang einsetzt. Dann übernimmt eine fünfköpfige Boygroup mit Sonnenbrillen in Outfits, die aus einem Stoff geschneidert sind, der wohl von irgendwelchen Kostümpartys übriggeblieben ist und daselbst für Raumanzüge oder sowas verwendet wurde. Sie singen einen sehr eingängigen 4-Chord-Song, den wir jetzt nicht sooo schlimm finden (an den Stellen mit dem Gefiedel sogar ziemlich gut) und hüpfen stellenweise wie eine Ladung Flummis, aber es passt halt nichts zusammen. Wir haben eine gewaltige Bild-Ton-Schere, und der wilde und reichlich unpassende Backdrop hilft dabei nicht. Da ist dann noch irgendwie ein Schiff im Spiel (und da sind wir dann wieder bei Santiano), und die Herrschaften in den Raumanzugsresten werden mit Meeresgetier beworfen. Wir sind verwirrt. Vielleicht werde ich einfach langsam zu alt hierfür.

Chancen aufs Finale? Wenn, dann nur sehr, sehr knapp.

Reykjavik 2026? Ach was.

5/10 (Kinder 5 und 5)


2. Polen: Justyna Steczkowska - Gaja

Justyna, die mit 52 immer noch aussieht wie 25, will es 30 Jahre nach ihrem ersten Eurovisionsauftritt nochmal wissen. Sie haut mich nicht nur mit ihrer Optik und Stimme (ja, sie kanns noch!) aus den Schuhen, sondern auch mit ihrer Beweglichkeit. Das konnte ich in dem Alter nicht. Der Song heißt Gaja und bezieht sich vermutlich auf die gleichnamige Göttin [Edit: Nachgeguckt, ja, tut er]. Der Song ist nicht schlecht, aber sehr anstrengend und beinhaltet mir persönlich auch zu viel Geschrei. Da hätte ich dann doch lieber die hohen Töne von "Sama" von vor 30 Jahren gehabt, auch wenn dann alle Hunde in der Nachbarschaft durchgedreht wären. Die Inszenierung finden wir auch etwas seltsam - haben sich die Tänzer ihre Outfits von Nebulossa letztes Jahr geborgt? Anyway, es ist irgendwie schon wertig, aber uns zu anstrengend. Und irgendwie auch zu aggressiv.

Chancen aufs Finale? Auch hier wird es vermutlich knapp.

Warschau 2026? Nope.

5/10 (Kinder 5 und 5,5)


3. Slowenien: Klemen - How Much Time Do We Have Left?

Was hab ich mich gefreut, als es hieß, Klemen Slakonja versucht es für Slowenien. Der Mann ist ein begnadeter Komiker (guckt mal hier), deshalb hatte ich mir erhofft, dass auch was in der Richtung in seinem ESC-Beitrag durchscheint. Das Gegenteil ist indes der Fall: Er hat ein tieftrauriges Lied für seine schwerkranke Frau geschrieben. Die Inszenierung ist schlicht bis auf den Gimmick, dass er in der Mitte des Songs für eine Weile mit dem Kopf nach unten an Seilen hängt und das Lied in dieser Position weitersingt. Ansonsten ist die Musik eher lahm und der Text ziemlich in your face - für meinen Geschmack zu viel. Bekanntlich hab ich es nicht so gern, wenn man mir mit dem Holzhammer auf die Tränendrüsen kloppen will, da bin ich sofort raus. Ich würde es aufgrund der persönlichen Geschichte von Klemen gern schätzen, aber sorry: Nee. (Vielleicht kommt das ja noch.)

Chancen aufs Finale? Wenn kein Wunder geschieht, ist nach dem Semi Schluss.

Ljubljana 2026? Er darf dann gern wieder die EMA moderieren.

4/10 (Kinder 3 und 4)


4. Estland: Tommy Cash - Espresso Macchiato

Und schon wieder eine Holzhammer-Nummer, wenn auch auf ganz andere Weise. Ein reichlich unsympathisches (und in meinen bescheidenen Augen auch nicht besonders attraktives, aber was weiß ich schon) Kerlchen haut uns einen seltsamen Text in überschaubarem Italienisch um die Ohren, wo es hauptsächlich "mi amore, mi amore, espresso macchiato macchiato macchiato" heißt und noch das eine oder andere Italienklischee verbraten wird, was die Stiefellandbewohner gar nicht mal so witzig finden. Nun ist diese Idee ja nicht wirklich neu, einem ähnlichen Prinzip hatte die Gruppe "Schrott nach 8" 1984 ihren einzigen kleinen Hit zu verdanken - Nomen est in diesem Falle Omen, und "Schrott hoch 8" wäre als Name auch nicht unpassend gewesen. Aber ich schweife ab. Als Italiener*in wäre ich vielleicht auch angefressen, wenn mein Land auf derart unoriginelle, unwitzige Weise durch den Kakao gezogen wird. Andererseits: Viel Kakao, viel Ehr. Über Estland hat sich noch nie jemand unlustig lustig gemacht. Trotzdem - die Nummer ist, allem Schönhörpotenzial zum Trotze (bei den Kindern hat das Schönhören bereits eingesetzt) völlig verzichtbar. Werden wir wohl zweimal hören, aber es wird im Finale ähnlich abschneiden wie der Vorjahresbeitrag. Was diesem gegenüber eine absolute Frechheit ist, aber was willste machen ...

Chancen aufs Finale? Wie gesagt: Das hören wir zweimal.

Tallinn 2026? Um Himmels Willen, bloß nicht!

5/10 (Kinder 7 und 6)

Neue Saison, neues Glück!

Schon wieder ein Jahr rum. Die Zeit fliegt aber auch, je älter man wird, und ich bin offen gesagt froh, dass wir in all dem bekloppten Weltwahnsinn derzeit noch eine kleine Oase haben, wo man sich über so unwichtige Sachen aufregen kann wie zB warum der eigene Favorit aus Land XY mal wieder genau null Punkte bekommen hat und wie geschmacksbefreit die da alle sind. Die kleine Oase hat ja im letzten Jahr bekanntlich einiges an Federn lassen müssen, so dass man sich über vieles aufgeregt und um vieles gebangt hat, nur eben nicht um die eigenen Favoriten. Ich hoffe inständig, dass das dieses Jahr wieder anders wird, dass das im Vordergrund steht, was da hingehört, nämlich die Beiträge, und dass es das große europäische und darüber hinausgehende Völkerverbindungsfest wird, das es eigentlich sein soll. 

Trotz der hier bereits besprochenen Vorfälle ist der ESC immer noch viel, viel größer als die Egos Einzelner. Deshalb haben wir uns auch den Spaß daran nicht verderben lassen und uns wieder mit dem diesjährigen Liedangebot auseinandergesetzt. Wir wünschen allen viel Vergnügen beim Lesen, und nun rein in selbiges!