Samstag, 6. Mai 2017

Als in der Stadt die Lichter ausgingen - vom Trumpf-As zur Pik-Sieben

Genau wie alle anderen war auch ich beim ersten Hör sehr angetan von Blanches "City Lights". Der belgische Beitrag ist einer der modernsten im Wettbewerb, düster, apokalyptisch, unerhört spannend. Dazu kam noch Blanches unerwartet tiefe Stimme. Das Gesamtpaket wurde allgemein als heißer Siegesanwärter gehandelt und wurde nicht nur in Fankreisen hoch geschätzt.

Allerdings wurde zumindest hier auf dem Blog in den Kommentaren die Frage gestellt, ob Blanche denn wohl in der Lage sein würde, das ganze live auch zu stemmen. Die Antwort auf diese Frage wurde letzten Sonntag in der ersten Probe gegeben und hat den belgischen Beitrag zum meistdiskutierten der letzten Tage werden lassen.

Auch mich hat das drohende Desaster für Belgien seitdem stark beschäftigt, und nachdem ich gestern mal ein paar andere Sachen von Blanche auf der Tube angeschaut habe und zudem seit Freitag die Karaokeversion besitze, glaube ich eine Antwort auf die Frage zu haben, wie es soweit kommen konnte.

Nein, es ist nicht das Staging und es ist auch nicht das Kleid. Beides wird in den einschlägigen Blogs sehr kontrovers diskutiert, viele finden es gut, manche nicht. Wie wir aus der Vergangenheit (Kati Wolf!) wissen, bekommt auch das schlechteste Staging einen guten Song nicht raus aus dem Semi.

Sinds vielleicht doch Blanches vokale Fähigkeiten? Ein Blick auf die Tube verheißt gegenteiliges. Ihre Stimme ist durchaus mit der von Tanita Tikaram vergleichbar (und ich hoffe ja, Blanche macht nicht wie Tanita den Fehler, sich jedweder Weiterentwicklung zu verweigern). Sie weiß, was sie mit dieser Stimme anzustellen hat, sie schafft es, Emotionen zu transportieren, und ich finde, es klingt auch gut.

Das Problem des belgischen Beitrags ist meiner Ansicht nach genau das, wofür er so hoch gelobt wird, nämlich: Der SONG bzw. dessen Stimmlage.

Blanche singt da sehr weit unten, viel tiefer kommt sie wahrscheinlich nicht mehr. Wenn man in einem solch tiefen Register singt, sind der stimmlichen Ausgestaltung eines Liedes aber sehr enge Grenzen gesetzt. Mit anderen Worten: Man kann da eigentlich kaum was machen und ist möglicherweise schon froh, wenn die Töne sitzen. Dadurch wirkt das ganze auch so leblos. Der Song gibt durch die tiefe Lage nichts her. Das gleiche Problem hat übrigens Hanna Pakarinen vor zehn Jahren die verdiente Top Ten-Platzierung gekostet, da waren die Strophen auch zu tief gelegt. Als der Refrain kam, war es schon zu spät. Die Sängerin hat da kaum Möglichkeiten, irgendwelche Emotionen in den Gesang zu legen. Da "City Lights" nur in der Bridge und dem Refrain danach ein bisschen nach oben geht, gibt es für Blanche praktisch keinen Gestaltungsspielraum.

Emotionen müssen aber sein, wenn man das Publikum erreichen will. Selbst die düstersten, plattesten Songs haben diese Stellen. Der finnische Beitrag ist hierfür ein gutes Beispiel, der ist mit Sicherheit einer der traurigsten und düstersten Songs der letzten Jahre. Aber im Refrain gehen die Töne nach oben, und da kommen die Verzweiflung und Trauer trotz des etwas flachen Textes super raus. Leena kann hier ihre Gefühle förmlich nach draußen schreien. Beim belgischen Beitrag dagegen gibt es diese Stellen praktisch gar nicht.

Es liegt, das sei nochmal klar gesagt, nicht an Blanche. Bei den anderen Sachen, die ich von ihr gesehen habe, hat sie höher gesungen und da wirkte ihr Gesang viel lebendiger. Wenn die belgische Delegation da noch irgendwas retten will, lässt sie im Schnelldurchlauf die Bridge und den hohen Refrain wiederholen. Das ist aus meiner Sicht die einzige Chance, dieses tolle Lied noch ins Finale zu hieven. Ansonsten...

Seid Ihr der gleichen Meinung? Ist meine These zu steil? Liege ich völlig daneben? Schreibts mir in die Kommentare!



Kommentare:

Carlotta Matuschanskayasky hat gesagt…

Jupp, sehe ich ähnlich. Ich hatte bereits beim ersten Hören Zweifel. Da wusste ich noch nichts von des Mädels Jugend, von einem schlechten Staging und einem ausgewählt hässlichen und unpassenden Kleid. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass dieser Song sich live gut umsetzen lässt. Das funktioniert vielleicht bei einem Solokonzert, aber nicht, wenn außen herum bunt und schillernd performt wird.

Sixtus hat gesagt…

Ich kann mit dem Lied per se nicht viel anfangen.
Da hilft eine misslungene Probe natürlich auch nicht wirklich.
Schade, auch ich finde, sie Blanche hat das modernste Lied im Feld.
Das Kleid an sich ist hübsch, passt aber rein gar nicht zum Song.
Und ich gebe Frau Fabian Recht, die Tiefen Töne kann man nicht mehr modulieren.
Da hilft nur der perfekte Auftritt. Ans Finale glaube ich trotzdem und dort an einen guten Mittelfeldplatz.

Rainer hat gesagt…

Ich denke letztendlich, dass dieser moderne Song es doch heute abend ins Finale schafft - wie ich sah, haben die Belgier im Dress-Rehearsal das Kleid der Blanche nochmal komplett ins Schwarze gewechselt - jetzt passt's besser zum düsteren Song. Und ja, mit dem tiefen Singen ist ihr nicht sehr geholfen, aber es wird reichen, auch wenn sie die mittlerweile "erfolgsverwöhnten" Belgier im Finale nicht zufrieden stellen wird.